Drei Fragen an Alois Prinz

DREI FRAGEN ZU HANNAH ARENDT

Agave Magazin: Herr Prinz, wie erklären Sie sich die gegenwärtige Hannah Arendt-Konjunktur? Warum wird sie so viel gelesen und diskutiert?

Alois Prinz: Angesichts der verwirrenden Vielfalt von Meinungen, der wir tagtäglich ausgesetzt sind, gerade in den sozialen Medien, und der Erfahrung, dass auch die Wissenschaft oft ratlos ist, ist das Bedürfnis nach glaubwürdiger Erkenntnis heute stärker denn je. Hannah Arendt vermittelt in ihren Schriften und in ihren persönlichen Auftritten (siehe die Interviews mit Günter Gaus auf YouTube) den Eindruck, dass sie unabhängig ist, die Dinge an der Wurzel anpackt und es ihr nur um die Sache geht. Und diese „Sache“ sind Themen, die jeden und jede betreffen und heute wieder hochaktuell sind: Wahrheit und Lüge, die Grundlagen von Demokratie, die Chancen von Pluralität, die Gefahren des Populismus und des Nationalismus. Wer Hannah Arendt liest, spürt ihren Willen zu verstehen, und dieser Wille ist ansteckend. Ebenso ihr Vorsatz, „ohne Geländer“ zu denken. Man kann von ihr Denken lernen. Und nur Menschen, die denken, entwickeln für Arendt eine Moral und die Normen, die uns vor den Rückfall in unmenschliche Verhältnisse schützen. All das ist notwendig für sie zur Bildung und Stärkung basisdemokratischer Kräfte. Insofern ist es verständlich, dass sie dort wieder entdeckt wir, wo Demokratie gefährdet ist oder sich außerparlamentarische Bewegungen bilden wie die Umweltbewegungen hierzulande und in vielen anderen Ländern.

Agave Magazin: Was interessiert Sie an Hannah Arendt?

Alois Prinz: Mich interessiert an ihr, dass sie philosophisches Denken mit Politik verbindet. Sie philosophiert nicht abstrakt über „den Menschen“, sondern denkt ganz konkret darüber nach, wie wir Menschen, die wir sehr verschieden sind, zusammenleben und wie wir uns verhalten, im Guten wie im Schlechten. Gerade ihr Schlagwort von der „Banalität des Bösen“ hat mir geholfen, die eigentlich unfassbaren Verbrechen des Nazi-Regimes besser zu verstehen. Was mir besonders an ihr gefällt, ist, dass sie nicht in einer fatalistischen Weltsicht endet, was angesichts der Katastrophen und Zukunftsaussichten unserer Zeit durchaus verständlich wäre. Jeder Mensch ist für sie fähig, aus bestehenden Traditionen und den Fesselungen von Vorurteilen und Konventionen auszubrechen. Nichts muss so bleiben, wie es ist. Wir sind nicht gefangen in Entwicklungen, die wir nicht verändern können. Jeder Mensch kann jederzeit wieder neu anfangen und neue Ideen und Impulse in die Welt bringen. Dieses Vertrauen in das, wie sie sagt, „Menschliche“ und damit in die Zukunft finde ich großartig. Außerdem interessiert mich ihre Persönlichkeit, ihr Mut, sich in der Öffentlichkeit auszusetzten, Kritik und Angriffe auf sich zu nehmen, ihre verdeckte Verletzlichkeit und ihre bewundernswerte Begabung zur Freundschaft.

Agave Magazin: Worüber denken Sie gerade nach?

Alois Prinz: Es ist gerade ein neues Buch von mir über Simone de Beauvoir erschienen. Ihr Freiheitsbegriff ähnelt dem von Hannah Arendt. Es geht um Freiheit als individuelle Befreiung und eine Freiheit, die über eigene Interessen hinausgeht und Verantwortung für Mitmenschen übernimmt. Was diese doppelgesichtige Freiheit in der gegenwärtigen Pandemie bedeuten könnte, das beschäftigt mich zurzeit.

Alois Prinz ist Philosoph, Literaturwissenschaftler und Schriftsteller. 2012 erschien sein Buch „Hannah Arendt oder Die Liebe zur Welt“ im Suhrkamp Verlag.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: