»Der katastrophale Schwund an Urteilskraft…«

»Der katastrophale Schwund an Urteilskraft…«

Oder: Warum Hannah Arendt keine Transhumanistin gewesen wäre

Ein Essay von Janina Loh

Ich möchte mit etwas Positivem beginnen. Nicht nur, weil es der vielleicht einzige erfreuliche, sondern auch, weil es der vermutlich wichtigste Gedanke in der folgenden weitestgehend kritisch ausfallenden Analyse der Gegenwart ist. Wie an der Hoffnung sollten wir entschlossen an ihm festhalten, wenn wir uns nun auf den Weg begeben, Arendts ernüchternde Einschätzung unserer Gesellschaft nachzuvollziehen. Dieser Gedanke geht so: Es ist noch nicht aller Tage Abend! Wir können den sich drohend abzeichnenden Lauf der Dinge noch beeinflussen.

Dabei habe ich mit Lauf der Dinge meine Worte bewusst gewählt. Denn es geht im Folgenden in der Tat um sich selbstständig bewegende Dinge, Maschinen nämlich, die Arendt, die Mitte des 20. Jahrhunderts schreibt, im üblichen Jargon auch Automaten nennt. Aber es ist ihr nicht nur um eine einfache und vermutlich so romantisch wie naiv klingende Warnung vor dem Zeitalter der Automation gelegen.  Was Arendt, die an der Schwelle zu einer Gesellschaft der Industrie 4.0 steht, insbesondere umtreibt, ist ein verändertes Denken in den Technik- und Naturwissenschaften. Auf die kapitalistische Konsum- und Arbeitsgesellschaft übertragen zeigt dieses Denken die gefährliche Tendenz, die gesamte menschliche Existenzweise an die Maschinen anzupassen. Würde das passieren, so die Dystopie, die Arendt skizziert, verlören wir nicht nur den Menschen eigene Kompetenzen und Fähigkeiten wie etwa Urteilskraft, den Raum des Politischen sowie unsere je einzigartige, nicht prognostizierbare und unkontrollierbare Persönlichkeit. Sondern auch die Welt, in der wir leben, würde an Beständigkeit immer weiter verlieren und sich schließlich in automatischeProzesse vollends auflösen.

Jedoch: Noch ist nicht aller Tage Abend! Im Folgenden zeichne ich zunächst Arendts Denken nach, damit verständlich wird, wie wir überhaupt in der gegenwärtigen Situation, die ich als Vorstufe zu einer transhumanistischen Dystopie deute, angelangt sind. Abschließen werde ich meine Überlegungen aber mit einigen an Arendt orientierten Vorschlägen zu einer aktiven Wendung des Blatts.

Schritt 1: Von Gedanken zu Daten

Transhumanismus ist, wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe (Junius 2018), ein Sammelbegriff für Theorien, die die technologische Optimierung und Weiterentwicklung der Menschen zu radikal veränderten (wenn auch immer noch menschlichen) posthumanen Wesen prognostizieren und befürworten . Um an dieses Ziel, das mit Versprechen von etwa Unsterblichkeit (oder zumindest radikaler Lebensverlängerung), gesteigerten (z.B. Intelligenz) und sogar neuen Fähigkeiten (z.B. neue Formen der Wahrnehmung) einhergeht, zu gelangen, müssen Transhumanist*innen das menschliche Wesen, die Natur und den Lauf der Geschichte fundamental beeinflussen können. Kurz gesagt, ist der Transhumanismus im Kern die Idee einer umfassenden Kontrolle des und Verfügungsgewalt über den Kosmos.

Arendt kannte vermutlich nicht den Transhumanismus als Strömung, aber dieser Wunsch nach einer umfangreichen Kontrolle war ihr sehr wohl geläufig. Sie sieht ihn etwa exemplarisch an Thomas Hobbes, einem Begründer der Neuzeit. Hobbes, so erklärt sie in ihrem Essay Natur und Geschichte, habe die menschliche Fähigkeit des Denkens darauf reduziert, »aus bestimmten evidenten Voraussetzungen oder Axiomen zu schlußfolgern, und Schlußfolgern [ist] für ihn nichts anderes als ein in sich stimmiges logisches Rechnen.« (2015: 67) Berechnungen lassen sich viel besser bestimmen, bemessen – eben kontrollieren – als das Denken, das sich selbstständig, unabhängig von geltenden Normen und Gesetzen, ohne Geländer, wie Arendt auch gesagt hat, bewegen kann. Dem wild wuchernden Denken und sich ungestüm ausbreitenden Urteilen den Garaus zu machen, ist das implizite Bestreben von Hobbes und anderen. Hier liegt Arendt zufolge der Ursprung eines »katastrophale[n] Schwund[s] an Urteilskraft, der sich in der modernen Welt überall zeigt, [und der] deutlich mit einem Mißtrauen gegen Urteile und der Hoffnung [begann], durch logisches Folgern Urteilen überflüssig zu machen.» (2015: 68)

Laut Arendt ist dies der erste und folgenreiche Schritt auf dem Weg in die Konsum- und Arbeitsgesellschaft der Gegenwart. Denn haben wir erst einmal das Denken und Urteilen durch Schlussfolgern und Rechnen ersetzt, ist es naheliegend, auch deren Bestandteile entsprechend anzupassen. So gelangen wir ganz selbstverständlich von Gedanken als Bausteinen des Denkens und Urteilens zu den Daten und Informationen, aus denen Schlussfolgern und Rechnen bestehen. Mit Daten, so Arendt in dem Text Die Eroberung des Weltraums und die Statur des Menschen befasst sich »die moderne physikalische Forschung« (2012: 374). An ihnen wird der Interpretations- und sogar schöpferische Charakter der ganzen »modernen Wissenschaft« (ebd.) deutlich, denn Daten »sind nicht Phänomene, Erscheinungen im strengen Sinne, denn wir treffen sie nirgends an, weder in unserer alltäglichen noch in der Laboratoriumswelt; wir wissen von ihrer Präsenz nur, weil sie in bestimmter Weise unsere Meßinstrumente beeinträchtigen.« (Ebd.) Daten sind also, folgen wir Arendt, in ganz unmittelbarer, direkter Weise von Menschen gemacht und damit ganz anders kontrollierbar und beeinflussbar als die menschliche und nichtmenschliche Natur.

Dem Transhumanismus geht es also um Kontrolle, weil nur dann der Weg in die erhoffte posthumane Zukunft gesichert ist. Die Kontrolle über das menschliche Wesen erkauft er sich um den Preis einer Reduktion des menschlichen Denkens und Urteilens auf Daten und Informationen und entfremdet dabei den Menschen von sich selbst. Menschen werden zu berechenbaren und quasi objektiv bestimmbaren Einheiten. Indem sich der Transhumanismus auf Daten konzentriert, also (mit Blick auf Menschen) auf charakterliche und physische Merkmale, Idiosynkrasie, Abneigungen, Vorlieben und ähnliches, beschränkt er sich auf das Was eines Menschen. Dieses Was, das Arendt in der Vita activa von dem Wereiner Person unterscheidet, muss deshalb notwendig hinter dem, was eine Person im eigentlichen Sinne ist, immer zurückbleiben. Denn das Wer einer Person entzieht sich unserer »Kontrolle« (2014: 219) vollständig, es ist unverfügbar, nicht bestimmbar oder prognostizierbar.

Ich könnte also etwas überspitzt behaupten, dass der Transhumanismus in seinem Drang nach Kontrolle die Menschen aus den Augen verloren hat. Sie tauchen im transhumanistischen Denken nicht mehr auf, bzw. nur noch dem Namen nach. Sie sind in der Reduktion auf eine Sammlung von Daten und Informationen, zusammengefasst im Was der Person, schlicht verloren gegangen. Dürften wir es hierbei bewenden lassen, stellte der Transhumanismus vermutlich keine allzu große Gefahr dar. Wir könnten ihn mit der einfachen Entlarvung, dass er vollkommen am eigentlichen Wesen des Menschen (sinnbildlich im Wer der Person zusammengefasst) vorbei zielt, stehen lassen.

Leider ist es damit nicht getan. Denn, wir erinnern uns, der Schritt von Gedanken zu Daten wurde in den Technik- und Naturwissenschaften  der Neuzeit getan. Es ist nicht das Visionieren einiger weniger. So lässt sich der Transhumanismus aufgrund der Tatsache, dass er so selbstverständlich das veränderte Denken der modernen Wissenschaften aufgreift, als die natürliche Fortsetzung, als Kind seiner Zeit interpretieren.

Schritt 2: Von Daten zu Prozessen

Reduziert auf eine notwendig begrenzte und deshalb überschaubare Sammlung an Daten und Informationen werden Menschen transparent, kalkulierbar und lenkbar. Der Ersatz des (inneren) Denkens und Urteilens durch Schlussfolgern und Rechnen hat überdies auch eine äußerlich sichtbare Konsequenz. Aus dem menschlichen Handeln, das laut Arendt nicht prognostizierbar ist, werden steuerbare »Prozesse« (2015: 70) bzw. bloßes Verhalten. Die Tätigkeiten, in denen sich die eigentliche »Einzigartigkeit« (2014: 214) der Menschen, ja, »das Menschsein selbst offenbart« (ebd.), nämlich das Handeln und Sprechen, werden so um ihre eigentliche Essenz beraubt: die Unverfügbarkeit der Person. Prozesse und bloßes Verhalten sind alles, was von den Menschen übrigbleibt, das, was als einziges von ihnen noch sichtbar ist.

Von außen zeigt sich das Verhalten von Menschen etwa in ihrem Konsum, in ihrer Arbeit, eben in allem, was sie ständig und wiederholt tun. Wenn es aber nichts mehr gibt, was sich den algorithmischen Prognosen, den behavioristischen Studien und Statistiken widersetzt, lassen sich Menschen ebenso lesen, analysieren, interpretieren und schließlich kontrollieren wie etwa »Ratten und Affen« (2012: 396) – konstatiert Arendt ernüchtert in dem Essay Der archimedische Punkt.

Die Transformation der modernen Gesellschaft in eine Konsum- und Arbeitsgesellschaft (2014: 150), in der der öffentliche Raum des Politischen und des Handelns im Schwinden begriffen ist, stellt sich als das traurige Resultat dieser Entwicklungen heraus. Der Transhumanismus schließlich mit seiner Vision eines optimierten, technologischen Überwesens, zu dem das verarmte Menschlein unter diesen Vorzeichen ja eigentlich sehr leicht werden kann, ist das dazu passende theoretische Äquivalent. Denn das baufällige und defizitäre Häuflein Elend, zu dem der Transhumanismus (in Fortsetzung der an Daten und Prozessen orientierten modernen Technik- und Naturwissenschaften) den Menschen erklärt hat, lässt sich gerne mit der Aussicht auf eine aufgerüstete übermenschliche Zukunft verführen.

Jetzt fehlt eigentlich nur noch die tatsächliche Umformung der gesellschaftlichen Realität der Menschen in eine Welt, die ihrer verdateten neuen Konstitution entspricht.

Schritt 3: Von Prozessen zu Automatismen

Einleitend stellt Arendt in der Vita activa (2014) fest, dass wir uns nun mit der Entwicklung von Maschinen, die uns letztlich alles, was wir tun, werden abnehmen können, in eine gefährliche Abwärtsspirale begeben haben. Denn »[w]as uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?« (2014: 13)

Die Übersetzung des menschlichen Wesens als eine transparente Sammlung von Daten und Informationen, die sich entsprechend berechen- und kontrollierbar verhält, in technische Prozesse mündet final in einer beschleunigten Automatisierung der Welt. Die Menschen ewegen sich in endlosen, gleichförmigen und durch die Maschinen immer schneller sich drehenden Kreisbewegungen des Konsumierens und Arbeitens (2012: 76-77). Hier ist nun nicht nur jede noch so kleine Unvorhergesehenheit ausgemerzt, sondern der »unvergleichlich schnellere Rhythmus der Wiederholungen« (2014: 148), in den uns die Maschinen hineinzwingen, führt ultimativ zu einer Auflösung der menschlichen Welt in unendlich kreisende Automatismen von Herstellen und Verzehr (2014: 155).

Die transhumanistische Vision eines optimierten Supermenschen lässt sich an dieser Stelle als trauriges Versprechen entlarven, das der hyperbeschleunigte Technikkapitalismus seiner Hauptressource, einem von sich selbst entfremdeten Wesen, zu geben versucht.

Pragmatische Gedanken zu einer Revolution im Kleinen

Wäre die Sache bereits ausgemacht, könnten wir an dieser Stelle den Stift niederlegen, das Buch zuklappen, die Bühne ver- und den Vorhang über der dystopischen Abschlussszene, die sich uns darbietet, herablassen. Aber Arendt hat noch Hoffnung (und wir mit ihr). Sie sagt in aller Deutlichkeit:

»Denn lebten wir wirklich in einer solchen Konsumgesellschaft, so würden wir überhaupt nicht mehr in einer Welt wohnen, sondern weltlos getrieben werden von einem Prozeß, in dessen Kreisen Dinge zwar erscheinen und verschwinden, gleichsam auf- und niedergehen, aber niemals lange genug bei und um uns verweilten, um für den Lebensprozeß in ihrer Mitte auch nur eine Umgebung abzugeben.« (2014: 159)

Was können wir aber tun, um es nicht dahin kommen zu lassen? Abschließen möchte ich meine Überlegungen mit der Skizze einiger konkreter, knapper Arendtscher Handlungsalternativen für unseren Alltag. Sicherlich leiten sie nicht für sich genommen die Revolution ein, erscheinen mir aber als sinnvolle Werkzeuge der Erinnerung. Werkzeuge der Erinnerung an ein Leben im Unverfügbaren, im Nicht-Prognostizierbaren, im Unkontrollierbaren:

Lasst uns täglich das selbstständige Denken üben. Vielleicht nur für fünf Minuten. Wenn wir morgens unter der Dusche stehen etwa oder auf dem Weg zur Arbeit. Vielleicht, indem wir ein aktuelles politisches Ereignis möglichst frei einschätzen und bewerten. Denn dadurch üben wir uns praktisch darin, aus gewohnten Mustern (des Schlussfolgerns und Rechnens) auszubrechen. Wir widersetzen uns allen algorithmischen Prognosen und trainieren die Unverfügbarkeit unserer Person.

Lasst uns politisch sein. Politisches Handeln ist das Blut in den Adern unserer Gesellschaft. Sie belebt den öffentlichen Raum und ist notwendig (wenn auch nicht hinreichend) für eine lebendeund lebenswerte menschliche Gemeinschaft. Politisch zu handeln, beginnt nicht für jede*n gleich mit politischem Aktivismus. Aber politische Prozesse und tagespolitische Ereignisse zu verstehen, ist ein erster und notwendiger Schritt. Ohne diesen verstehen wir uns selbst (unsere Gesellschaft) irgendwann nicht mehr.

Lasst uns regelmäßig etwas um seiner selbst willen tun und ohne, dass wir das Ergebnis unserer Tätigkeit bereits implizit vorwegzunehmen versuchen. Das ist sicherlich zunächst nicht ganz einfach. Vielleicht ist es einmal eine Unterhaltung, die wir nicht führen, um unser Gegenüber zu überzeugen, oder um etwas aus diesem heraus zu bekommen. Sondern einfach, weil wir Freude an der Unterhaltung haben. Oder wir gehen spazieren, nicht, um sich zu entspannen oder gesund und fit zu bleiben, sondern um des Gehens selbst willen. Eine von vielen weiteren Möglichkeiten, etwas um seiner selbst willen zu tun, ist Kunst. Oder Sport. Oder das Lesen eines Buches, das Hören von Musik.

Diese drei Ratschläge sind an Arendt orientiert und es ließen sich ohne Zweifel weitere formulieren. Ich möchte es aber hier bei diesen bewenden lassen, da ich mir denke, dass ihre Realisierung uns bereits mit einigen Herausforderungen konfrontieren wird. Aber Zeit, Übung und Erfahrung werden das Gehen schließlich erleichtern. Da bin ich mir sicher.

Janina Loh ist Philosoph*in, hat zuletzt eine „Einführung in den Trans- und Posthumanismus“ (Junius 2020, 3. Aufl.) und eine „Einführung in die Roboterethik“ (Suhrkamp, 2019) veröffentlicht

Mehr Essays und andere Texte und Bilder zum Thema Arendt finden Sie hier in der aktuellen Ausgabe des AGAVE Magazins.

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