Stil und Klasse – welchen Stil haben eigentlich die Arbeiter*innen?

Ein Essay von Sahra Rausch

Stil und Klasse – diese beiden Begriffe bilden nicht nur die positiv konnotierte Verschmelzung eines vermeintlich vollendeten Geschmacks. Die Zuschreibung eines Stils verknüpft sich zumeist mit einem ästhetischen Bewusstsein, das mit der jeweiligen Klassenlage verbunden ist. Am anderen Ende steht die Abgeschmacktheit – das billige Outfit, das ungesunde Essen, die vulgäre Wortwahl. Haben die sozial Marginalisierten Stil?

Das Finden des eigenen Stils – so suggerierten es die Mädchen- und Frauenmagazine meiner Jugend – beschreibt den Weg zum unangefochtenen Ausdruck der individuellen Persönlichkeit. Die eigentliche Sozialität des Körpers wird dabei jedoch vergessen, dabei ist die Klassenzugehörigkeit eines Menschen kodifiziert im Gang, in der Kleidung, der Frisur und Sprache. Verwunderlich war es daher nicht, dass meine asymmetrische, bikolore Vorne-kurz-hinten-ein-bisschen-länger-Frisur im Laufe meines Studiums einem unauffälligeren Kurzhaarschnitt und die im Schlussverkauf erstandene Markenklamotte dem Humana-Vintage-Style weichen musste. Als Ausdruck eines Klassenaufstiegs betrachtete ich den äußerlichen Wandel damals nicht, doch fiel mir auf, dass die expressive Zweifarbigkeit auf dem Kopf genauso zur brandenburgischen Provinz gehörte wie die endlosen Alleen, an die ich während meines gesamten Studiums wiederholt erinnert wurde – Rainald Grebe sei Dank.

Über Klassismus und Stil zu schreiben, ist ohne eine intersektionale Betrachtung wohl kaum möglich. Wenig andere Bereiche sind so offenkundig vergeschlechtlicht und rassifiziert wie die Wahl der Frisur oder der Kleidung. Klassismus definiert Francis Seeck in dem von ihr und Brigitte Theißl herausgegebenen Sammelband „Solidarisch gegen Klassismus“ als „Diskriminierung aufgrund von Klassenherkunft oder Klassenzugehörigkeit“, die sich „gegen Menschen aus der Armuts- oder Arbeiter*innenklasse“ richtet.

Zentral ist dabei jedoch, dass die feinen Unterschiede, die uns Pierre Bourdieu schon in den 1980er Jahren aufzeigte, nicht nur auf ökonomischen, sondern auch auf sozialen und kulturellen Ressourcen beruhen. Die Ablehnung einer provinziellen Herkunft mag sich im universitären Kontext somit am bikoloren Haarschopf entladen, ein zu direktes oder zu lautes Sprechen zieht unvermittelt die intellektuellen Fähigkeiten in Zweifel. Die Markierung von Differenzen begründet somit die Mechanismen einer möglichen Ausgrenzung und Herabwürdigung.

In ihrem Buch „Where we stand: Class Matters“ gesteht bell hooks ihre Bereitwilligkeit, sich für schöne und teure Kleidung zu verschulden. hooks‘ Begehren nach schöner Kleidung steht dabei exemplarisch für die Überlappung der Ungleichheitskategorien race, class und gender. Sie wusste, dass man ihren Klassenhintergrund an ihrer Kleidung ablesen konnte, weswegen sie sich ihrer schämte. Als Schwarze Frau begleitete sie in den Geschäften außerdem das rassistische Misstrauen der Verkäufer*innen, was die Gewissheit, fehl am Platz zu sein, zementierte. Bürgerliche (weiße) Student*innen hingegen können die Wahl zerschlissener Kleider als stilistisches Aufbegehren gegen das gut situierte (elterliche) Establishment inszenieren. Die Emphase auf Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung machen den Einkauf im Sozialkaufhaus zu einer moralisierenden Politisierungsstrategie, während der Flohmarktbesuch dem symbolischen Abschwören von der kapitalistischen Überkonsumption dient. Da wird das Loch im Pulli dann mit Stolz als politisches Statement getragen. Diese Interpretationsstrategien stehen leider denjenigen nicht offen, die es sich nicht leisten können, den Kauf von Secondhandware als individualisierenden Persönlichkeitsausdruck zu romantisieren.

hooks nahm also eine Verschuldung in Kauf, um sich den Normen der aufstrebenden universitären Klassen anzupassen. In meinem Fall sicherte meine Mutter meine Zugehörigkeit am bürgerlichen Gymnasium durch den Kauf von Markenprodukten ab. Sehr viel später fiel mir erst auf, dass sie selbst auf den Kauf ‚schöner‘ Kleider verzichtete und kleinpreisige No-Name-Produkte im Versandhandel erstand. Daher wogen die äußerlich vorgenommenen Veränderungen für mich weniger schwer als die sprachlichen Anpassungsleistungen, die ich im universitären Kontext zu vollenden hatte. Weder wollte ich weiterhin der Brandenburger Provinz zugerechnet werden, noch würde ich mir grammatikalische Fehler erlauben dürfen. Klassendifferenzen drücken sich also nicht nur anhand der Kleidung, des Musikgeschmacks oder gar der Wohnungseinrichtung aus – sondern vor allem auch im Kommunikationsstil. Der Erwerb von Kommunikationskompetenzen setzt dabei gewisse Fertigkeiten voraus, wozu beispielsweise die erlernte Fähigkeit zur psychologisierenden Introspektion (‚Selbstbeobachtung‘) und zur Artikulation dieser gewonnenen Einsichten gehört. In meiner Familie siegten jedoch gemeinhin Direktheit und Lautstärke, wollte man sich Gehör verschaffen. Anderen ins Wort zu fallen, Schimpfworte zu benutzen, um Missfallen auszudrücken, gilt den meisten Bildungsbürger*innen als anstößig und vulgär. Zuletzt stieß ich in einem Essay von David Foster Wallace auf das Wort „vulgär“. Dass er den Begriff zur Beschreibung der Pornoindustrie verwendet, brachte für mich die klassistische Dimension, mit der Sprache Hierarchien etabliert und aufrechterhält, ziemlich genau auf den Punkt. Vulgär meint anzüglich, billig, anstößig, nicht angemessen. Dabei präzisiert Wallace, dass „vulgär nur populär im Großmaßstab [bedeutet]. Es ist das semantische Gegenteil von elitär und versnobt“. Nur eben, dass der Elitismus selten zur Sprache gebracht wird.

Nicht den richtigen Ton zu treffen, erfüllt mich immer noch mit der Angst, den kommunikativen Anforderungen nicht gerecht zu werden. Rutscht mir zu oft das Wort „Scheiße“ raus, oder falle ich anderen lautstark ins Wort, schäme ich mich. Dabei ist das Empfinden von Scham nicht nur eine individuelle Empfindung, sondern sie erfüllt die soziale Funktion, Menschen an ihren Platz zu verweisen. ‚Falsch‘ gekleidet zu sein, oder ‚falsch‘ zu sprechen macht sich als Ausdruck der Klassenlage bemerkbar und wird entsprechend sozial sanktioniert. Scham ist meist das Gefühl, das von denjenigen beschrieben wird, die nicht dazugehören, aber – und dies wird auch bei hooks deutlich – dazugehören wollen. Scham ist ein entmächtigendes Gefühl, weil es ein angeblich individuelles Fehlverhalten offenlegt und als Konsequenz die Anpassung an die ungeschriebenen Normen fordert. Eine Nichtanpassung markiert die Klassengrenzen und die damit wirkenden Mechanismen klassistischer Ausgrenzung.

Scham ist aber auch ein entsolidarisierendes Gefühl, da aus ihr meist ein Beschweigen der Regelverletzung resultiert, was schließlich zum Hindernis wird, um „wahre Verbindungen zu anderen aufzubauen“. Wie also kann Scham überwunden werden? Didier Eribon schreibt in seinem Buch „Gesellschaft als Urteil“ aus dem Jahr 2017, dass „es nicht genügt, [s]ich seiner eignen Scham zu schämen […], um diese effektiv zu vertreiben“. Die Entschämung, die er stattdessen fordert, ließe sich vielleicht mit Vulgarität realisieren. Die Sichtbarkeit von Vulgarität meint dabei, die Normsetzungen des vermeintlich ‚guten‘ Geschmacks aufzuzeigen und somit mit dem Glauben zu brechen, dass den Bürgerlichen und Wohlhabenden mehr zustehen würde als den Armen. Der Stil der Arbeiter*innen und der sozial Marginalisierten darf sich nicht dadurch auszeichnen, dass sie sich mit schlechterer Kleidung, Nahrungsmitteln und Lebensperspektiven abfinden müssen.

Sahra Rausch ist Sozialwissenschaftlerin und lebt in Leipzig. Zuletzt ist von ihr erschienen: „Akademisches Außenseitertum: Mit Vulgarität gegen die Trägheit des akademischen Systems„. In:  R. Altieri / B. Hüttner: Klassismus und Wissenschaft. Erfahrungsberichte und Bewältigungsstrategien, Marburg 2020, S. 95-104.

Twitter: @RauschSahra

Diesen Essay und weitere Text der AGAVE Ausgabe „Stil“ finden Sie hier.

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