Ein Virus bringt fast alle kulturellen Traditionen zu Ehren Johann Sebastian Bachs zum Erliegen

Ein Gastbeitrag zum 271. Todestag Johann Sebastian Bachs und ein Rückblick auf das vergangene Veranstaltungsjahr.

Von Gisela Lüttig (die an Bach 190. Todestag getauft wurde)

Im Jahre 2020 hat Covid-19 viele kulturelle Traditionen und andere Vorhaben zu Ehren Johann Sebastian Bachs durchkreuzt. Das Corona-Virus zwingt aber andererseits, neue andere Wege zu finden, den Menschen auf der ganzen Welt Bachs geniale Musik als Öl für die kranke Seele, als Trost in schweren Entbehrungszeiten zu überbringen; seine Musik hat schon vielen und immer weitergeholfen.

Das Jahr 2020, also J. S. Bachs 335. Geburtstag und sein 270. Todestag, sollte in allen Landesteilen Mitteldeutschlands – besonders in den Bachorten (Wechmar, Eisenach, Ohrdruf, Arnstadt, Dornheim, Mühlhausen, Weimar, Köthen, Leipzig) – gebührend gefeiert werden. In Arnstadt, in unserer Nachbarschaft, hatte Ende 2019 gerade eine große tolle Dauerausstellung „Hörbarer Glaube. Johann Sebastian Bach in Arnstadt“ ihre Pforten geöffnet und viele Interessenten, auch internationale, in ihren Bann gezogen. Mitte März musste sie leider wegen der Corona-Pandemie geschlossen werden.

Das Thüringer Bach Collegium und das Ensemble Polyharmonique übertrugen zum 4. Advent (20.12. 2020) auf Deutschlandfunk Kultur das in der Arnstädter Bachkirche vorgesehene, abgesagte Weihnachtsoratorium von J. S. Bach und riefen zur Aktion „Weihnachtsoratorium am Fenster–von Haus zu Haus–von Mensch zu Mensch“ auf. Eine tolle, gelungene Aktion! Die Initiatoren wollten damit Hoffnungssignale in die Welt senden. Musik bringe Menschen zusammen, mache Mut und lasse Menschen schwere Zeiten wohlbehalten überstehen.

Auch das Land Sachsen übertrug das Weihnachtsoratorium aus dem Freiberger Dom, ohne Publikum, als musikalische Botschaft in alle Welt. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer betonte, „Das Weihnachtsoratorium von J. S. Bach gehört zur Seele Sachsens.“ „Es ist uns wichtig, dass auch in diesem besonderen Jahr mit all den notwendigen Einschränkungen diese wunderbare Kirchenmusik live erlebbar wird.“

So fielen ebenso die geplanten Aufführungen des Weihnachtsoratoriums in der Leipziger Thomaskirche (11. Dezember 2020) und der Frauenkirche Dresden (19. Dezember 2020) der Pandemie zum Opfer, nachdem schon im Sommer 2020 das Bachfest in Leipzig und vieles andere abgesagt bzw. in das Jahr 2021 verschoben wurden. 

Auch der Direktor des Bachhauses in Eisenach, die Geburtsstadt von J. S. Bach, beklagt ein eigentümliches Gefühl, durch ein gähnend leeres Museum zu laufen (TLZ 13. 01. 2021). Seit 3. November 2020 ist das Bachhaus wieder dicht. Hatte es im Schnitt pro Jahr rund 60 000 Besucher, waren es 2020 durch die beiden Lockdowns nur etwa 25 000. Noch dramatischer fällt die Bilanz beim Blick auf die ausländischen Besucher aus. So gab es aus Übersee – also USA und asiatischer Raum – so gut wie keine Besucher, nur wenige aus dem europäischen Ausland. Nicht einmal Bachs 335. Geburtstag (21. März 2020) durfte im Haus gefeiert werden. Alle 17 Mitarbeiter, inklusive Geschäftsführer, waren ab 18. März in Kurzarbeit. Für 2021 ist noch viel geplant. Möge es umsetzbar werden! 

Die „Thüringer Bachwochen 2020“ (Ende März/April) fielen als erste Großveranstaltung dem Corona – Lockdown zum Opfer. Viel Aufwand und Geld mussten abgeschrieben werden. Für dieses Vorzeigefestival Thüringens mussten für 2021 neue Ideen erarbeitet werden, denn viele Menschen sind kulturell ausgehungert und gieren nach Bachs spiritueller Nahrung. So wurde die bevorstehende Festivalausgabe unter das Motto „Passion!“ (Leiden, Leidenschaft) gestellt und via Webseite die kostenlose Möglichkeit der Ticketreservierung angeboten. Die Nachfrage aufgrund der „Perlenkette“ der tollen Veranstaltungen und ihrer Künstler sei gewaltig.

Selbst die kleinste Bachstadt Ohrdruf hatte Großes vor. Die „6. Bachtage Ohrdruf“, vom 21. März bis 28. Juli 2020 sollten mit einem umfangreichen Programm von der Bachschen Kaffeetafel zum 335. Geburtstag über Musical, Vorträge, Chor-, Solisten – und Orgelkonzerte und vieles andere mehr bis zum 270. Todestag von J. S. Bach, die Generalprobe für das Bachfest der Neuen Bachgesellschaft (21. August bis 5. September 2021) in Ohrdruf und Gotha sein. Durch alle Absagen wurde eine Menge materieller, finanzieller, aber besonders ideeller Aufwendungen Opfer der Corona – Pandemie. Wie schade. Möge vieles von dem für das Jahr 2021 im Rahmen der Bachehrung geplanten und aus 2020 verschobenen Vorhaben nach Corona durchsetzbar werden!

Die holprigen Strecken von 2020 müssen gemeistert werden. Unerwartetes muss immer wieder bewältigt werden. Unveränderliches muss akzeptiert werden und uns zu aktivem Handeln bringen, um Glück in glücksfernen Zeiten zu finden. Dies soll auch die Devise für die neu entstehende Bachausstellung im wiederaufgebauten Schloss Ehrenstein von Ohrdruf nach einem verheerenden Brand im November 2013 – das renovierte Schloss sollte gerade übergeben werden – sein. Das Unglück des Brandes mit all seinen Folgeerscheinungen hat das Glück des umfangreicheren Auf- und Ausbaues hervorgebracht. Ab Eingang in den Westflügel des Schlosses entsteht in mehreren Räumen eine große tolle Ausstellung zu J. S. Bach in Ohrdruf und vieles zu seinem umfangreichen Schaffen und Wirken. Lebte er doch nach dem Tod seiner Eltern in Eisenach hier in Ohrdruf von 1695 bis 1700 bei seinem älteren Bruder Johann Christoph Bach und besuchte die hiesige Lateinschule mit sehr guten Ergebnissen in den einzelnen Jahrgängen, so dass er mit 15 Jahren die Primareife erreichte. Die originalen Schulmatrikel dazu befinden sich im Archiv von Ohrdruf. Seit Sommer 2020 konzipiert und unterstützt ein Kurator vom Bacharchiv Leipzig speziell die ortsansässige Arbeitsgruppe zur Gestaltung der Bachausstellung, die mit der Wiedereinweihung des Schlosses im Frühjahr / Sommer 2021 eröffnet werden soll. Wir sind alle sehr neugierig und freuen uns besonders darauf, sowie auf das Bachfest der Neuen Bachgesellschaft. 

So bitter wie all die Absagen von Veranstaltungen jeglicher Art zu Ehren J. S. Bachs waren, umso erfreulicher sind die neuen guten Ideen, Vorhaben etc. für das Jahr 2021 nach Corona.

Die Teilnahme an der Gründungsveranstaltung des Magazins „Agave“ Ende Juli 2020 in Leipzig und der Weg zum Veranstaltungsort vorbei am Bachdenkmal gab den Impuls für diesen Beitrag. Die Einmaligkeit der Agave, denn sie blüht nur einmal in ihrem Leben, finden wir in Johann Sebastian Bachs Einmaligkeit der Musik wieder.

Nachtrag

Da vorangestellter Artikel Mitte Januar 2021 verfasst wurde, müssen aufgrund der Corona-Krise und des dritten Lockdowns noch einige Zusätze bzw. Änderungen gemacht werden. Viele Veranstaltungen, die für das Frühjahr, die Osterzeit und den Sommer 2021 vorgesehen waren, wurden abgesagt, weiter in den späten Sommer und Herbst 2021 verschoben bzw. zeitlich gekürzt, eingeengt.

Die Thüringer Bachwochen 2021 vom 27. März bis 18. April fielen, sowie schon im Vorjahr, der Corona-Krise zum Opfer. Im „Plan B“, als Trost für die hohe Nachfrage, soll etwa die Hälfte der geplanten 42 Konzerte zwischen dem 8. und 21. September 2021 nachgeholt werden. Einige Auftritte prominenter Künstler wurden live per Online- Streaming gesendet, ein kleiner Ausgleich.

Das 95. Bachfest der Neuen Bachgesellschaft in Ohrdruf und Gotha wurde von zehn auf vier Tage vom 26. bis 29. August 2021 verkürzt. Da die Besucherzahlen begrenzt sind, werden die Bachkonzerte ins Freie verlegt (Schlosshof) bzw. auf Leinwänden übertragen. 

Das Leipziger Bachfest im Sommer 2021, das Bachfest in Arnstadt, der Thüringer Orgelsommer, die Bach-Biennale in Weimar vom 2. bis 11. Juli 2021 und viele andere Veranstaltungen zu Ehren Johann Sebastian Bachs sind zeitlich eingeengt, zum Teil verschoben und nur mit eingeschränkten Besucherzahlen unter Einhaltung von Hygienebedingungen durchführbar. Eigentlich schade, aber wieder Lichtblicke am Kulturhimmel.

Auch der Wiederaufbau des Schlosses Ehrenstein in Ohrdruf nach dem verheerenden Brand von 2013, der zum Juni 2021 abgeschlossen sein sollte, und damit seine feierliche Eiweihung sowie die Eröffnung der neuen Bachausstellung verzögern sich aufgrund der Corona-Krise und des dritten Lockdowns. Handwerker, Mitarbeiter und andere fielen durch Corona-Infektion aus oder mussten in Quarantäne. Plötzliche Materialengpässe sowie weltweiter Rohstoffmangel verschieben alle Zeitpläne weiter in den Herbst 2021.

Inzwischen erhöht trotz fortschreitender Impfung der Bevölkerung auch noch die Delta-Variante des Covid-19-Virus die Gefahr eines neuen Lockdowns. Möge es nicht dazu kommen! In der aktuellen Phase der Unsicherheit helfen nur „Demut, Zuversicht und Bachsches Gottvertrauen“ (TLZ, 16.01.2021). Ich hoffe, dass die kulturellen Traditionen zu Ehren Johann Sebastian Bachs wieder so werden, wie bevor das Corona-Virus die Welt angehalten hat.

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