Lesenotiz “Kim Jiyoung, geboren 1982” von Cho Nam-Joo

Der Bestseller aus Korea erzählt von Kim Jiyoung aus der Sicht ihres Psychiaters. Mit kurzen scharfen Sätzen werden die Symptome und das Leben einer jungen Frau beschrieben, die über ihre Lebensspanne Sexismus und Frauenfeindlichkeiten ertragen musste. Ihre Persönlichkeit scheint sich in verschiedene Frauen zu spalten, die in Kim Jiyoungs Leben eine Rolle gespielt haben, welche auf unterschiedliche Weisen weibliche Unterdrückung erlebten. 

“Kim Jiyoung, geboren 1982” zeigt auch auf, dass die Behandlung der Symptome immer auch davon abhängt, wie der Therapeut oder die Therapeutin die Welt wahrnimmt. Judith Lewis Herman beschreibt dies am Beispiel der “Hysterie”. Die Behandlung traumatischer Erfahrungen ist nur möglich in einem Umfeld, das die Unterdrückung von Frauen erkennen kann und als ungerecht empfindet. Sigmund Freud gab den Überlebenden von sexuellen Übergriffen, Misshandlungen und Inzest die Diagnose Hysterie. In Wirklichkeit leugnet Freuds Diagnose die weibliche Realität. Sie führt zu der absurden Schlussfolgerungen, dass mit seinen Patientinnen etwas nicht stimmt. Ich schreibe gerade an meinen Fallberichten (ich bin am Ende meiner Ausbildung zur Psychotherapeutin) und das Buch trifft einen wunden Punkt der Psychotherapie: Kim Jiyoungs Symptome sind  eine normale Reaktion auf eine ständige Unterdrückungen – es ist das System, das krank ist, nicht Kim Jiyoung. Das Buch erzählt nicht von einer Frau bei einem Psychiater in Südkorea sondern vom Leben aller Frauen.

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