Philosophin und Techniker

Es gibt eine Arroganz des Technikers gegenüber der Philosophin und umgekehrt. Für den Techniker wohnt die Philosophin im Wolkenkuckucksheim und grübelt über abgehobenes Zeugs. Sie verliert den Kontakt zu den einfachen Menschen und zum Leben. Die Philosophin hingegen findet den Techniker erdschwer, pragmatisch, zögerlich-skeptisch und ausgestattet mit einem gesunden, vernünftigen, also langweiligen Menschenverstand; mit ihm wird es nichts weltstürzend Neues geben. Der Techniker belächelt die Philosophin für ihre Flausen im Kopf, die Philosophin den Techniker für seine Genügsamkeit. 

Dabei ist es genau umgekehrt: Der Techniker baut Welten, zweite Naturen, von denen eine Philosophin nichts wissen will. Er schießt uns ins All, verschaltet die Maschinen und bearbeitet die Landschaft. Als Geophysiker ist er Herr der Erde und allen Lebens im Anthropozän. Der Techniker ist der wahre Metaphysiker. Sein Meisterstück, die technologische Singularität, wird uns wahrscheinlich bald Gott bescheren. Seine Produkte schweben über den Dingen, abgehoben himmelsstürmend, verwegen. Die Philosophin unternimmt dagegen recht einfache Denkübungen. Sie läuft immer nur dem hinterher, was der Techniker geschaffen hat. Sie räumt ein bisschen auf. Übernimmt die bodenständigen Aufgaben. Sie fragt zum Beispiel, wie man gut leben kann, was gerecht wäre, wie man sich verhalten soll, was die neuesten Erfindungen zu bedeuten haben, wie sie zusammenhängen, ob man da noch mitkommt. Sie stellt die naheliegenden Fragen. Sie ist die wahre Skeptikerin, die Zaudernde, Zögernde, Vorsichtige. Die Philosophin ist der einfache Mensch, der Techniker dagegen Fantast und kybernetischer Abenteurer. Er ist eher geneigt, ein ungeheures Staatswesen, ein aus dem Ruder laufendes Monstrum, ein überschießendes Ding zu konstruieren als die Philosophin. Deren bescheidenes Leben am Fuße des Schlossbergs, in den einfachen Hütten, wilden Gärten und einsamen Klöstern, immer in sicherer Distanz zur Macht, kann sich der große Techniker gar nicht erlauben. Er muss die Welt umgestalten, nach seinem Bilde formen, den göttlichen Funken entzünden. Seine Realgrübelei sprengt jeden zarten Philosophinnenentraum, der die Welt eigentlich nur ein bisschen schöner haben will. 

Die Idee der Philosophinnenherrschaft will nicht den allesverstehenden, allesdurchdringenden Schlaumeier an die Macht bringen (das wäre der Techniker), sondern den einfachen Menschen, der die Dinge in ein zartes Licht taucht. Erst dies wäre wirkliche Demokratie, die Herrschaft der Geringsten. Die Philosophin ist der geringste Mensch, der Techniker dagegen ein Hybriker. Er tendiert zur expertokratischen Verselbständigung, die er als Reich der Vernunft ausgibt. Hört man ihn reden, so bekommt man den Eindruck, er habe die Weisheit mit Löffeln gefressen. Er will nur diesen einen Weg gelten lassen. Gleichzeitig tut er bescheiden, nüchtern, unvoreingenommen, sachlich, anspruchslos. All das ist Tarnung. Er ist geschickt. Er ist nicht nur ein Zauberer, der Dinge schafft, sondern auch ein Magier, der sie zu verbergen weiß. Die Philosophin lüftet den Schleier durch Fragen, die den herrischen Techniker in den Wahnsinn treiben. Ihre Mückenstiche, klein, überraschend und wohldosiert, bringen den Techniker zur Weißglut. Er macht aus ihnen einen Elefanten. Und mit Elefanten hat Hannibal beinahe Rom geschlagen. 

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