Empire 2021 oder: Chinas Apollinismus

Mein erstes Theoriebuch war „Empire“ von Michael Hardt und Antonio Negri. Es fiel mir im Umfeld des G8-Gipfels von Heiligendamm in die Hände. Ich fand es schwierig, aufregend und verdanke ihm den Entschluss, Politikwissenschaft zu studieren, da ich gehört hatte, dass Negri Politikprofessor war. Im Studium habe ich mich dann aber sehr gewundert. In Heiligendamm, so wollte man uns weismachen, standen sich nicht „Empire“ und „Multitude“ gegenüber (als globale Neuauflage von Kapital und Proletariat), sondern Regierungen und Zivilgesellschaft. Mehr nicht. Offenbar war Politikwissenschaft etwas vollkommen anderes, Zögerliches geworden, das um große Theorien lieber einen großen Bogen macht. Das liegt wohl daran, dass mein erstes zugleich als letztes große Theoriebuch gilt und eigentlich auch schon zu spät kam. Theorie war einer spätgeschichtlichen Mattheit zum Opfer gefallen, sodass Zeitdeutungen und geschichtsphilosophische Entwürfe abwandern mussten ins, nach … ja, wohin eigentlich?

Einmal, ich hatte „Empire“ im Zimmer herumliegen und Besuch, deutete mein Gast auf den Untertitel des Buchs („Die neue Weltordnung“) und sagte: „Ah, eine Verschwörungstheorie!“ Er konnte sich nicht vorstellen, dass es philosophische Deutungen der Weltordnung gibt, denn Philosophie war ja mit der Findung korrekter Sätze beschäftigt; es musste also eine Verschwörungstheorie sein.

Verschwörungstheorien haben ein Deutungsmonopol erlangt – nicht nur Deutungshoheit über einen bestimmten Gegenstand, sondern Konkurrenzlosigkeit im Anspruch, die Welt zu interpretieren. Wer kümmert sich denn sonst um Gegenwartsdeutung? Wer zieht die feinen Verbindungslinien zwischen Alltagsregung und Weltpolitik, zwischen Nächstem und Fernstem? Wer überführt die statistischen Rechenspielchen in etwas Höheres? Wer wirft dem Alltäglichen etwas über und interessiert sich für Verborgenes? Wer tritt denn noch als Zauberer auf? Wer glaubt, dass alles ganz anders sein könnte, als man immer dachte – nicht nur eines fernen Tages, sondern schon jetzt, weil man es noch nicht richtig interpretiert hat? Wer kehrt die Intuition um? Und wer durchstößt damit seine winzige Rezeptionsblase, wird Popkultur und beschäftigt Memes und Konferenzen gleichermaßen? Da gibt es eigentlich nur Slavoj Zizek, den man im Feuilleton auftreten lässt, weil man ihn unterhaltsam findet – was in Deutschland, wo man Langeweile mit Ernsthaftigkeit verwechselt, bedeutet, dass er nichts gilt.

Ansonsten bleiben Verschwörungstheorien, um den metaphysischen Durst stillen. Sie haben keine Mühe, in die verwaisten Räume vorzustoßen, die größer geworden sind, seit die neue Weltunordnung alte Deutungsgewohnheiten durcheinanderwirbelt. Die Corona-Krise bringt das Fass zum Überlaufen, man will jetzt wissen: Hat 1989 tatsächlich der Westen gewonnen? Der Kapitalismus? Der Liberalismus? Die USA? Die BRD gegen die DDR? Oder kommt da noch was? Darauf weiß man immer weniger eine Antwort, will aber immer dringlicher eine haben. Der Aufschwung der Verschwörungstheorien – die Reduktion der Ganzheit auf einen Schuft (also Theoriemangel im Gewand der Theorie) – hat etwas mit der theoretischen Wüste zu tun, in der wir uns befinden. Da sehnt man sich nach jedem Wässerchen, auch wenn es ein trübes ist.

Stattdessen sollten wir den Menschen feinstes Theorie-Quellwasser anbieten, das ihnen gibt, wonach sie dürsten: Ursprünge, Genesen, Systemlogiken, Intuitionszertrümmerungen, gewürzt mit kleineren Deutungsausbrüchen, Spekulationen und Prognosen – zusammengehalten von einer messianischen Klammer, die das System relativiert (denn es kann ja auch alles noch ganz anders werden). All das finden wir in „Empire“.

Der dritte marxistische Zyklus

„Empire“, der letzte große Theorie-Poproman, beendet das Projekt von „Geschichte und Klassenbewusstsein“. Mit diesem philosophischen Paukenschlag hatte Georg Lukács 1923 das proletarische Subjekt instabilisiert, die Revolution kulturalisiert und einen neuen Zyklus marxistischer Theorieproduktion eröffnet, der von hegelianischen Linksradikalismen über den bürgerlichen Kommunismus der Kritische Theorie zur französischen Postmoderne führte. Die Postmoderne endete 1989, als die letzte große Erzählung tatsächlich kollabierte, sodass ihr der Gegenstand abhandenkam. Aus ihrer Erbmasse formten Hardt und Negri eine neues Buch, das den zweiten marxistischen Zyklus abschließt und einen neuen einleitet. Dem lukácschen Projekt fügten sie die Totalität von Raum und Zeit hinzu – den vollkommen erfassten Globus am Ende der Geschichte. Man könnte also sagen, dass Hardt/Negri Opfer ihrer eigenen Diagnose geworden sind. Die seltsam heftigen Verrisse, die sie geerntet haben, kommen daher, dass die Diagnose stimmte: Die Nachgeschichte kennt keine Theorien; denn es ist ja schon alles gesagt (Weil die Leute glaubten, was drinsteht, mussten sie dagegen sein.).

Aber das scheint nur am Anfang so. Denn auch im Posthistoire gibt es Unruhe, die nach Integration in die Erzählung verlangt: Nationalstaaten stemmen sich verzweifelt gegen das uniforme Schicksal, das ihnen im Empire blüht (Trump, Brexit, Orban); die Multitude schließt sich nicht zusammen, Teile schlagen sich sogar auf die Seite des Empires oder der nationalistischen Herausforderer (Zivilgesellschaft und hin- und hergeworfenes Proletariat); die globalen Institutionen werden schwächer; es entstehen immer neue Unruheherde, die einen Bedrohungsring um das eurasische Kernland gelegt haben (Weißrussland, Ukraine, Maghreb, Naher und Mittlerer Osten, Arabien, Iran, Kashmir, Südchinesische Meer, Nordkorea). Doch am Eintritt ins globale Zeitalter und am Endziel der Welteinheit ändern sie alle nichts. Es sind interne Konflikte, wie wir sie aus der Geschichte der Nationalstaaten kennen. Sie arbeiten nicht gegen ihn, sie bereiten ihn vor (wie die Fronde in Frankreich und der Bürgerkrieg in England, aus dem der Leviathan hervorging). Es sind Phänomene des globalen Ordnungszerfalls vor der Ordnung, rückwärts abgespulte Nachgeschichte. Am Ende entsteht eine „neue Form der Souveränität“ (Hardt/Negri), die aus König (USA), Adel (Großmächte wie China, Russland oder die EU; globale Institutionen und multinationale Konzerne) und Multitude (der unbestimmte Rest) besteht.

„Empire“ kommt uns nur so vor wie der letzte Theoriebeitrag, in Wahrheit ist es der erste. Er schließt eine Ära ab und beginnt eine neue. Es ist unser „Geschichte und Klassenbewusstsein“, an dem wir uns abarbeiten können, das Portal zur Welt, das beim Durchschreiten Einsichten herabrieseln lässt. Ich will hier — das Buch explodiert vor Ideen, und das ist wohl auch der Grund, weshalb so viele Rezensenten skeptisch waren; Ideen sind akademisch suspekt geworden — nur einen Gedanken herausgreifen, der uns dabei helfen könnte, unsere verwirrende Gegenwart zu verstehen.

Die zweite Postmoderne

Hardt/Negri schreiben, dass die Sowjetunion daran zugrunde ging, dass sie die Affekte nicht ausbeuten konnte. Als „bürokratische Diktatur“ konnte sie zwar Massen dirigieren, wusste aber mit der Spontaneität der Individuen, mit ihren Affekten und Überschüssen, nichts anzufangen. Da diese aber im postfordistischen Produktionszyklus zum Schrittmacher des Wachstums wurden, musste die Sowjetunion untergehen.

Sind wir nicht heute, zwanzig Jahre später, an einem Punkt angelangt, der das Kräfteverhältnis umkehrt? Rückt nicht heute die kollektive Einbettung des Individuums ins Zentrum der Politik? Muss es nicht an die Leine genommen werden? Längst geht es nicht mehr nur darum, die Produktionsspirale nach oben zu schrauben. Man sorgt sich um die verheerenden Konsequenzen des irrlichternden Lustgewinns und der rauschhaften Produktionsweise. Diese erzeugt extreme Ungleichheit, unkontrollierbare Technik, Naturzerstörung und Viren, die sich über die eingespielten Affektkanäle verbreiten. (Dass man das Virus einfach nicht in den Griff bekommt, muss etwas mit dem Neoliberalismus zu tun haben. Ihm verdanken wir Verheerungen im Gesundheitssystem, bornierte Maskenverweigerer und das Ranwanzen ans Kapital, das die westlichen Staaten von einem richtigen Lockdown abhält, der auch das Kapital einschlösse.)

Und wenn wir, wie Hardt/Negri betonen, tatsächlich in der Postmoderne leben (die als Realität nach der postmodernen Theorie einsetzt), müsste dann nicht die lineare Steigerungs- und Schöpfungslogik an ein Ende kommen? Blüht uns dann nicht ein Zeitalter der Stockung, der Eindämmung, des Rekurses, der ewigen Schleife, sodass bald andere Tugenden als westliche Explosivität gefragt sein werden? Kurzum: Zerstört die Postmoderne nicht den westlichen Rausch, also das, was sie auszumachen scheint?

Die Postmoderne hatte ihre lockere Phase, in der sie zersetzte. Nun setzt sie neu zusammen. Sie wird apollinisch und beginnt ihr zweites Leben. In der ersten Phase wirkte sie aufhaltend, störrisch, hat aber produziert, in ihrer zweiten wirkt sie produktiv, hemmt aber, stellt sich quer und schafft etwas Neues, das darin besteht, dass sie nichts Neues schafft. Sie bläst zum Sturm auf die logische Bastille und bemüht sich um Handlung, wo das Handeln bislang unmöglich schien.

Und hier kommen die Verschwörungstheorien noch einmal ins Spiel. Dass sie jetzt aufblühen, ist ein Zeichen des Übergangs, des Abschieds von der alten Postmoderne, in der die Identitäten und Wahrheiten dahinschwanden und das selbstherrliche Subjekt zerschmolz; in der nichts fest und vieles möglich schien – abgesehen von der wirklichen Umgestaltung der Welt, denn deren Geschichte war ja zu Ende. Die Verschwörungstheorien haben die Faxen dicke. Sie wollen sich nicht mehr für dumm verkaufen lassen und den Schuft aufspüren, der hinter allen Übeln steckt. Dass sie nicht einsehen wollen, dass Systeme statt Individuen herrschen, macht sie sehr modern. Sie liegen zwar falsch, beschleunigen aber den Gang in eine neue Phase der Postmoderne, in der es noch immer keine Kontrolle, aber etwas mehr Form gibt, in der zwar nicht produziert, aber verhindert, nicht geschaffen, aber repariert wird, in der die Natur entzogen bleibt, aber gebändigt werden kann und das System sich immer engmaschiger zusammenzieht. Ungewollt arbeiten Verschwörungstheoretiker ihrem Gegner zu. Denn das politische System beantwortet den wachsenden Handlungsdruck nicht etwa mit Auslieferung der vermeintlichen Ganoven oder gar Rückzug aus der Lebenswelt, sondern mit neuen Gremien, besseren Experten, raffinierterer Technik, ausgefeilterer Menschenkontrolle, also intensivierter Herrschaft, kurzum: Es macht einen weiteren Schritt in die rundum verwaltete Welt, eben ins Empire, um die Naturanpassung kollektiv zu organisieren. Das System verspeist seine Gegner und wächst an ihnen.

Chinas Apollinismus

Digitalität, Gleichheitspolitik, Ökologie und Seuchenschutz beenden das dionysische Zeitalter und führen das Apollinische wieder ein – und damit Eigenschaft der alten Sowjetunion, die heute jedoch, als Verbindung von USA und UDSSR, von China verkörpert werden. Man hat sich ja schon manchmal gefragt, wie sich die DDR in der Pandemie geschlagen hätte. Wahrscheinlich ganz gut – ein harter Lockdown, und man hätte das Virus im Griff gehabt, so wie China. Nur dass China obendrein ein höheres Innovationspotenzial hat und in künstlicher Intelligenz, dem Zukunftsding schlechthin, den USA den Rang abzulaufen droht. China beherrscht also die neue Logik der Eindämmung und die alte des Wachstums. Als postmoderner Koloss nimmt China seine Tugenden aus verschiedenen Zeitaltern und stimmt sie aufeinander ab. Selbst seine Wachstumskräfte setzt es zur Eindämmung ein. Wenn China etwa Geoengineering betreibt (um Milliarden Bäume zu pflanzen, das Meer zu reinigen oder die Wüste zu beleben), dann verbindet es Ingenieurskunst mit Naturanpassung. Ohnehin scheint es für das ökologische Zeitalter bestens gewappnet. Sein mythischer Urkaiser Yu wird dafür gefeiert, dass er das Land vor einer Flut schützte. Das westliche Pendant ist Noah, der auf eine Arche ging und sich aus dem Staub machte.

Ohnehin hat sich der Abstieg des Westens, der am amerikanischen Tropf hängt, beschleunigt – wirtschaftlich, geopolitisch und kulturell. Bush führte die USA noch mit glühenden Wangen in den Freiheitskrieg, anschließend wurden sie interventionsmüde, und irgendwann wählten sie Trump, den keiner mehr ernst nahm. Das hektische Hin und Her zeugt von nachlassender Kraft. Biden wird sich bemühen, die Reste des amerikanischen Imperiums zusammenzukehren, aber aufhalten kann er den Verfall wohl nicht mehr. Das Image hat zu sehr gelitten, und unter den Jüngeren gibt es immer weniger, bei denen der „amerikanischen Traum“ noch verfängt. Den meisten ist der Gedanke an Amerika unangenehm (abgesehen vielleicht von der Karibik und Rio, dem besseren Amerika). Die USA sind eine Macht unter vielen geworden.

In einem Empire-Update vom Mai 2020 sehen Hardt/Negri das ganz ähnlich. Die Weltunordnung deuten sie als voranschreitende Formierung des Empire, als Ausnahmezustand, der jeder Ordungsbildung vorausgeht: Der König ist gestürzt, ein neuer nicht in Sicht, der Thron bleibt leer, eine neue Souveränität bildet sich heraus, eben das Empire.

Das mag langfristig vielleicht so kommen, aber vorher könnte noch etwas passieren, in der Weltunordnung geht es schließlich drunter und drüber und eine Beruhigung dürfte es nur dann geben, wenn eine ordnende Kraft eingreift. Vielleicht schaltet sich ein neuer Kaiser dazwischen, ein zweiter Napoleon, der in Gestalt Chinas wiederkehrt und die konkurrierenden Prinzipien von Dynamik und Statik, Entfesselung und Formgebung miteinander versöhnt. Denn wenn wir den Vergleich mit dem Königtum schon bemühen, dann richtig: Der Fordismus war das Ancien Régime, der Postfordismus die dionysische Phase nach dem Umsturz von 1968, in der vieles möglich schien. Jetzt nähern wir uns einem neuen Zustand, der dem überwundenen entspricht: der apollinischen Formgebung durch China, das mit Napoleon verkünden kann: „Die Revolution ist zu den Prinzipien zurückgekehrt, von denen sie ausgegangen ist; sie ist beendet.“

Bevor wir also ins Empire „ohne Außen“ eintauchen, gibt es ein Intermezzo des Kaisers aus China. Damit verschiebt sich der Charakter des Empires gründlich. Es ist keine totale Affektmaschine mehr, die aus hierarchielosen Differenzen Produktionsgewinne zieht. Es verwandelt sich in ein durchgeplantes Geflecht, das nicht dem heiteren Leben der Pilze entspricht, sondern dem Schwarm: Durchorganisiert und flexibel, kontrolliert und spontan, hart und weich, fest im Ziel und dehnbar in der Gestalt, winzige Zellen, die sich zu einer großen Gesamtheit vereinen, als wäre sie ein maoistischer Trupp, der sich auf dem Weg zur Schlacht befindet. Das Zentrum der Macht bleibt aber, wie Hardt/Negri schreiben, leer. Man kann es gar nicht erstürmen. Und so dauert der lange Marsch ewig. Er kommt niemals an. Er umkreist nur, schafft nichts, erobert nichts, negiert nur, was er auf seinem Marsch erzeugt hat. Er bewegt sich, um die Abfälle seiner Bewegung einzusammeln. Erst im apollinischen Empire könnten wir verstehen, was mit „rasendem Stillstand“ gemeint war.

Kommunismus als Herrschaft

Die Negativität stellt uns vor ein weiteres Problem: Sie greift in die Mechanik des Kapitalismus ein, der auf Wachstum angewiesen ist. Statt zu kollabieren, könnte er in einen Plan überführt werden (dessen kybernetische Steuerung im digitalen Zeitalter leichter fallen dürfte), sodass er nicht durch einen großen Knall verschwindet, sondern friedlich entschläft. Dass China noch immer den Kommunismus zum Staatsziel hat, ist kein Zufall. Er passt wunderbar zum neuen Eindämmungsimperativ. Nur wird der Kommunismus damit ein völlig anderer.

Der erste Kommunismus sträubte sich gegen die Herrschaft (bis 1917). Der zweite war gespalten (1917-1989), er war für und gegen die Herrschaft, für die Sowjetunion und gegen den Westen, mitunter auch gegen die Sowjetunion und für den Westen. Dem dritten Kommunismus steht eine weltweite Herrschaftskarriere bevor (seit 1989, beschleunigt seit 2001, 2008 und 2020). Die Kommunistische Partei Chinas verhilft ihm zu neuem Glanz, benutzt ihn, um die alte Produktionslogik zu umhüllen, das Zerstörerische (Umwelt, Viren, Ungleichheit) aufzuhalten und damit die Herrschaft zu verewigen. Er verschmilzt mit dem Empire und wechselt endgültig auf die Seite der Herrschaft.

Der Marxismus – die Lehre vom Schrecken der Welt und vom Umsturz – muss sich nun entscheiden, ob er zum Kommunismus halten oder etwas anderes werden will, um seine Verneinungskraft nicht zu verlieren. Der Kommunismus hat sich durch Verneinung auf die Seite der Bejahung geschlagen, der Marxismus muss die Verneinung verneinen, ohne zu bejahen. Vielleicht lief es von Anfang an darauf hinaus. Denn erst mit der Rückkehr des Marxismus hinter den Kommunismus kommt die Revolution begrifflich zu sich. Sie dreht die Zeit zurück (revolvere = zurückdrehen), löst den Marxismus vom Kommunismus und öffnet ihn für ein neues Bündnis mit der Revolution, das seit 1917 blockiert war (weil die herrschaftliche Deformation Spuren hinterlassen hatte). Der Marxismus fängt noch einmal von vorn an. Er bekommt ein neues Leben. Er wird jugendlich frisch wie ein Barbar, der das Empire stürmt. Vielleicht wird er auch zum geduldigen Ordensbruder, der, weil es kein Außen mehr gibt, zum inneren Außen wird. Der sich am herrschaftlichen Kommunismus abarbeitet, mit der Macht gegen sie vorgeht, das heißt: dialektisch wird wie noch nie.

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