Die Erstickung der Weihnachtsrevolte im silvesterlichen Thermidor

Die Neujahrswoche gehört zu den traurigsten des gesamten Jahres. Nachdem um Weihnachten herum die Zartheit zu einem weithin geteilten Ideal geworden war (vgl. „In den Herzen ist’s warm / Still schweigt Hunger und Harm / Sorge des Lebens verhallt / Freue dich, ’s Christkind kommt bald“), macht, bevor diese Zartheit sich verallgemeinern, also Kommunismus werden kann, das Silvesterfest Schluss damit. Die wildgewordene Raserei heidnischer Böllerhorden soll jeden Gedanken an eine weihnachtlich-zarte Einrichtung der Welt im Raketenrauch ersticken. Denn Weihnachten, das haben die silvesterlichen Heerführer begriffen, birgt eine Gefahr für die Ordnung. Die sich in der Adventszeit bis zur aufrührerischen Stimmung aufschaukelnde Erwartung des messianischen Ereignisses weckt in den transzendental ausgehungerten Menschen einen Appetit aufs Neue, der, ungebändigt, in eine Revolte umschlagen muss. Die Menschen möchten, dass das Leben tatsächlich so schön ist wie die Weihnachtslieder es ihnen versprechen. Jedes Weihnachtsfest ist darum ein Wagnis für die Herrschaft, Weihnachten ist kreuzgefährlich, denn zu viel davon bedeutet Kommunismus. 

Doch nachdem die Ankunftshoffnungen an Heiligabend ihren Höhepunkt erreicht haben und das Ereignis in den kommenden beiden Tagen immerhin noch gedenkend verwaltet wird – darin vielleicht der Ausrufung der Menschen- und Bürgerrechte und der Republik vergleichbar, die nicht das Ereignis selbst sind, sondern nur die Erinnerung daran –, treten bereits am 27. Dezember Sattheit, Schwere und Ungewissheit darüber ein, wie es nun weitergehen soll mit dem Ereignis. Ist Jesus Christus tatsächlich der Messias? Wie weit reicht seine Kraft? Und warum warten wir nun schon seit 2000 Jahren auf seine Wiederkehr? Ernüchterung und Skepsis, ob der eingeschlagene Weg überhaupt der richtige war, breiten sich aus. Nicht jeder ist sich noch sicher, ob die wahnwitzige Revolte tatsächlich gelingen kann. Die Leute reflektieren wieder zu viel. Der Geist arbeitet gegen sich selbst. Diese gebrochenen Gefühlszustände gehen erfolgreich gegen den weihnachtlichen Elan vor, sie nehmen den selbstverständlichen Schwung aus der Sache, sodass die seelische Revolte recht bald im Thermidor steckenbleibt. Die Revolution interessiert sich nun nicht mehr für ihre Kinder. Sie verliert ihre Leichtigkeit, von der der Ernst der Sache sich nähren konnte, alles Festliche fällt ab von den Handlungen der Menschen, die nun wieder gewöhnlich werden und ihren Glanz verlieren; ein Geist der Schwere legt sich über die Szenerie. Die Sachwalter der alten Ordnung wittern Morgenluft und kommen aus ihren Löchern gekrochen, in denen sie sich aus Angst vor revolutionären Racheakten versteckt gehalten hatten. Nun übernehmen sie die Initiative. Nach wenigen Stunden schon stellt sich ein Gleichgewicht der Kräfte ein, das bereits den konterrevolutionären Gegenschlag im Gefühlshaushalt der Menschen vorbereitet. 

Dieser wird am Silvesterabend durchgeführt, jener Nacht, in der mit Raketenlärm und pornographischer Grelle auf das ungewisse Zwielicht der weihnachtlichen Kerze geantwortet wird. Es werden keine Lieder gesungen, sondern Parolen geschrien, die Ruhe weicht dem Krach. Die Hoffnung auf ein besseres Leben wird mit einem Schlag, mit einem Countdown, der den Sturm auf die Sanftheit anzählt, ausradiert. In den Wirren des Barrikaden- und Bürgerkriegs reißt der Konvent die Herrschaft im Seelenhaushalt an sich. Eine Änderung ist jetzt kaum noch vorstellbar. Die Neujahresansprache der Kanzlerin verkündet einen falschen Aufbruch („gemeinsam anpacken“, „besser machen“, sich um die „Herausforderungen der Zukunft kümmern“, an sich „arbeiten“, den „Riss“, der durch die Gesellschaft geht, „kitten“ etc.), der den weihnachtlich-revolutionären Elan in gesellschafts- und staatserhaltenden Aktionismus überführt und die Menschen auf die realen Kämpfe der Gegenwart einschwört („denn die Welt wartet nicht auf uns“; „Wir müssen jetzt die Voraussetzungen dafür schaffen, dass es Deutschland auch in 10, 15 Jahren gut geht“). Für Zartheit ist jetzt kein Platz mehr, die transzendental ausgebombten Silvesterkriegsopfer können dem nichts entgegensetzen und sind eine leichte Beute. Den Rest ihrer weihnachtlichen Instinkte betäuben sie mit Sekt. Weil die Revolution jetzt in weite Ferne gerückt ist, das öffentliche Heil, das Weihnachten noch in Aussicht stellte, also versperrt ist, wenden sie sich wieder ihren privaten Angelegenheiten zu und nehmen sich allerhand Selbstoptimierendes vor fürs neue Jahr. Es geht jetzt nicht mehr darum, eine andere Welt zu schaffen, sondern ein schlechteres Ich, das der schlimmen Welt entsprechen soll. 

Das Neujahreskonzert der Wiener Philharmoniker am nächsten Morgen markiert den Übergang von der Bildung irregulärer Freikorpsverbände, die noch einen Böller- und Bürgerkrieg kämpfen mussten, zu den regulären Armeen des konventionellen Krieges, die im Stechschritt zum Radetzkymarsch marschieren und den endgültigen Sieg der Gegenrevolution verkünden.

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