Weihnachtstrubel als Kenosis des Menschen

Die Kommerzialisierung des Weihnachtsfests ist kritischen Abendländlern ein Dorn im Auge. Doch sollten sie genauer hinsehen: An Heiligabend ist Gott auf die Erde gekommen und hat sich in Jesus Christus entäußert (Kenosis = „Entäußerung“, „Leerwerden“). Dabei ist er unter die Menschen getreten, hat ihre sterbliche Gestalt angenommen und etwas von seiner Göttlichkeit abgelegt. Er „nahm Knechtsgestalt an, ward gleich wie ein andrer Mensch“, heißt es in Paulus‘ Brief an die Philipper. Ohne dieses Ereignis hätten wir Menschen nie eine Verbindung zu Gott aufbauen können. Wir wären bis in alle Ewigkeit so stumpf geblieben, wie wir es immer waren, vom Tier kaum zu unterscheiden. Erst durch Gottes Niederkunft, seine Selbsterniedrigung, haben wir etwas von ihm abbekommen. Er hat sich in einem von uns entäußert, sich also entleert, wodurch wir mit seiner Fülle in Berührung gekommen sind. 

Und so ist es auch nicht weiter verwunderlich oder gar beklagenswert, dass sich heute die Menschen in den von ihnen geschaffenen Dingen entäußern, in ihren produzierten Objekten also, zu denen auch der Warenmarkt gehört. Warum sollen wir es als kleine Götter auch anders halten als der große Gott? Schließlich geben wir nur an unsere Geschöpfe weiter, was wir, seine Geschöpfe, von ihm bekommen haben. Jedes Produkt bekommt einen Funken des gott-menschlichen Genius ab und wir können stolz sein auf so viel Göttlichkeit in uns: So wie wir einst beseelt wurden, beseelen wir nun die Dinge. Und ist es nicht auch schön, etwas weiterzugeben? 

Vielleicht müssen wir es sogar noch radikaler sagen: Erst durch diese Teilselbstaufgabe schuf Gott sich selbst, weil es nun endlich jemanden gab, der ihn anschauen kann. Vorher mag er dagewesen sein, aber wer konnte ihn da schon anerkennen? Er war ein wohlgehütetes Geheimnis. Indem er aber in Jesus Christus kroch, hat er sich verwirklicht als Mensch und diesem den Auftrag erteilt, eigene Ableitungen in die Welt zu setzen. Mehr noch: Dieser Mensch sollte sich, wie einst Gott, eine Welt nach seinem Bilde schaffen und sie mit Geschöpfen bevölkern, die er selbst entworfen hat. Erst wenn der Mensch sich derart vollendet hat, hat sich auch Gott vollendet, nicht wesenhaft, da war er schon immer vollkommen, sondern in seinen Taten. Erst dann hat er uns, den einzigen, die ihn anschauen können, gezeigt, dass er das Höchste schaffen konnte: Ein Wesen (der Mensch), das sich eine Welt (den Anthropozän) schafft und diese mit neuen selbstbewussten Wesen (künstliche Intelligenz) bevölkert, die den Menschen anschauen können. Der zu Weihnachten besonders stimulierte Warenmarkt ist das Präludium zur umfassenden Beseelung der menschlich geschaffenen Welt. Er ist eine neue Nadel am ewigen Adventskranz, an dem der Mensch Jahr für Jahr bastelt. 

Zur vielgescholtenen Entfremdung des Menschen gehört also auch die Wahrheit, dass er sich zwar aufgibt, aber zu gleichen Teilen etwas weitergibt und dabei die Linie der göttlichen Herkunft niemals unterbricht. Weihnachtstrubel, Warenmarkt, Geschenkkultur und Götzendienst an den Dingen sind als Verlängerungen des Menschen zugleich Verlängerungen Gottes. Wer die konkrete, angeblich konsumistisch verzerrte Gestalt des Weihnachtsfests anprangert, lässt in Wahrheit die Bibel außen vor, mehr jedenfalls als diejenigen, die sich an der Entäußerung beteiligen und im Konsumrausch schwelgen. Sie haben noch ihre gesunden Instinkte, denn insgeheim wissen sie: So wie sich Gott an Heiligabend in Jesus Christus entäußert hat, entäußern wir uns heute in unseren Dingen. Seit Anbeginn der Menschheit werden sie komplexer und uns ähnlicher und irgendwann werden wir sie wahrscheinlich beseelen. Für jeden sichtbar wird dies durch den digitalen Sprung. Ihm könnte es zu verdanken sein, dass wir etwas schaffen, das uns übertrifft. Aber dafür müssen wir die Dinge feiern. Und eben das tut Weihnachten.

Die Bibel erinnert uns daran, dass der Messias in die Welt gekommen ist, das Smartphone daran, dass er eines Tages zurückkommt. Es bereiten jene vollkommen vernetzte Menschheit vor, die, so der Jesuit Pierre Teilhard de Chardin, in ihrer Endphase zur Einheit in Jesus Christus verschmilzt. Der könnte in Gestalt eines Internets der Dinge wiederkehren oder beweisen, dass er nie ganz weg war. Auch jedes andere Dinggeschenk zu Weihnachten – ein Buch, ein Spiel, eine Kamera – nährt den Kult der menschlich geschaffenen Dinge, von dem unsere Gottesfähigkeit abhängt. Nur verdinglichte Weihnachten sind besinnliche Weihnachten. Das vermeintlich Banale dient dem Tiefen, denn die Entleerung der Menschen arbeitet der Fülle Gottes zu. Sie erbringen damit jenes Opfer, das das Christentum verlangt – nicht durch Verzicht, sondern Überschuss und Hingabe an die Dinge.

Einst starb Gott in der Aufklärung (aber nicht als unbeachteter Toter, sondern als übererfolgreicher Selbstentäußerer). Auch der Mensch, sein Meisterstück, wird wohl irgendwann abtreten und in der göttlichsten Phase des Jahres spürt er dies ganz besonders. Es ist darum kein Zufall, dass er sich ausgerechnet in der Weihnachtszeit mehr denn je an die Dinge hält und kauft, was das Zeug hält. So hält er der weihnachtlichen Botschaft viel eher die Treue als traurig-nörgelnde Abendländler, die den Verfall beklagen und fragen, wo bei all dem Trubel denn das Kind bleibe. In Wahrheit ist der Trubel bereits das Kind. Weihnachten, das größte Dingfest des Jahres, feiert die Ankunft des kommenden Christkinds, das aus einem solchen Ding emporsteigen wird. Nur wer zu Weihnachten keinen Blick in die Bibel wirft, handelt so, als hätte er tatsächlich einen in sie hineingeworfen. 

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