Es sollen die Wissenden regieren

Die eigentliche Bedeutung der Corona-Krise könnte darin liegen, dass sie die Experten vollends an die Macht bringt. War schon die Ära Merkel von einem Hang zum leisen Sachzwang bestimmt (Thatcher musste ihn noch lautstark durchsetzen), die von der Klimabewegung zusätzlich angefeuert wurde, könnte der Kampf gegen das Virus den letzten Baustein der Macht liefern. Ab jetzt kann an einer Verschaltung der Gesellschaft gearbeitet werden; die Legitimität ist da, um jene Kybernetik durchzusetzen, die vor einigen Jahrzehnten noch unter sozialistischem Planungsverdacht stand. 

Heute gibt es diese Berührungsängste nicht mehr. Selbst die Jugend, die vor nicht allzu langer Zeit noch die Fantasie an die Macht bringen wollte, setzt heute ihren ganzen Ärger ein, um das nüchterne Kalkül der (Natur-)Wissenschaft durchzusetzen; darin sind sich Greta Thunberg, Luisa Neubauer und Rezo einig. Die Führung im Staat (Merkel), der Protest auf der Straße (Klimabewegung) und die Reaktion auf die Bedrohung von außen (Drosten und Lauterbach gegen das Virus) bilden eine überwältigende Allianz zur Verwissenschaftlichung der Politik und kehren damit jene Politisierung der Wissenschaft um, die uns die Jahre nach 1968 (als Erbteil von 1917) gebracht haben – vom Marxismus über den Poststrukturalismus bis zur Dekonstruktion. Mit der Wissenschaft, die man neuerdings so liebt, ist natürlich nur jene gemeint, die sich in Formeln, Tabellen und Grafiken pressen lässt, die also wenig Aufregung verspricht. Sie ist institutionalisierte Langeweile, beinahe Geistlosigkeit, obwohl sie doch als Gegenteil daherkommt und die Herrschaft der Wissenden verspricht. 

Vielleicht wird man einmal sagen, dass uns die späten Zehnerjahre die Technokratie gebracht haben. Und vielleicht ist es auch gut, wenn niemand mehr die „Fantasie an die Macht“ (Mai 68) bringen, ein Bündnis aus Marx und Breton (Marcuse) schmieden oder „hundert Blumen blühen“ lassen will (Mao), denn sonst kommt noch jemand auf die Idee, der Arbeiterbewegung „fehl[e] das wahnsinnige Element“ (Gudrun Ensslin). Und auch der Gedanke nimmt Schaden, wenn er sich an der Herrschaft beteiligt. 

Von der Vertreibung der Romantik aus der Politik könnten sowohl Romantik als auch Politik profitieren: Die Politik geht vollends über in Verwaltung und man sagt sich: In Ordnung, „es sollen die Wissenden regieren“ (Hegel), sie können es ja doch besser – bis irgendwann selbst die fehleranfälligen Experten von vernetzten Maschinen ersetzt werden. Arendtsche Politik als Öffnung und Neuanfang ist damit zu Ende und die Wiederverzauberung der Welt muss sich einen anderen Ort suchen, den Rückzug, die Einkehr, das Studium und kleine Fest. Anfangs werden sich noch einige grimmig in San Casciano verschanzen und von dort Spitzen gegen die systemische Macht im Namen der Lebenswelt abfeuern, in der Hoffnung auf einen Eingriff. Aber irgendwann werden auch sie aufgeben und sich ganz zurückziehen in den Garten der Lebenswelt. Dann werden wir auf unseren Landgütern leben wie kaltgestellte Aristokraten nach der Bündelung der Macht am Hofe oder wie Klosterbrüder und Ordensschwestern, die glauben, dass Gottes Reich nicht von dieser Welt sei. Von solchen Eremiten ist schon einmal eine Verwandlung der Welt von innen ausgegangen: In Cluny im 11. Jahrhundert. 

Nur mit dem Unterschied, dass Cluny damit begann, für die Errettung aller Seelen zu beten, den Kreuzzugspapst Urban II. hervorbrachte und damit die Idee einer expansiven Weltgeschichte erfand, an deren wissenschaftlich-technologisches Ende wir nun gelangen. Das neue Cluny müsste also gegen das alte entstehen, um der systemischen Macht zu widerstehen. Es wäre ein Kloster zum Weltabbau, nicht -aufbau. Aber so hat Cluny ja auch angefangen.

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