Sevilla (2019)

Charakterpunkte

Andalusien im Spätsommer ist rostbraun. Das Rollfeld des Flughafens von Sevilla nimmt diesen Farbton auf. In Deutschland sind die Rollfelder so grau wie man die Innenstädte lange Zeit gebaut hat. Stiltendenzen gehen an Flughäfen nicht spurlos vorüber, doch das verfügbare Spektrum ist begrenzt: Als Funktionsgebäude müssen sie einen ernsten und nüchternen Farbton tragen. Unter den sachlichen Farben ist das andalusische Rostbraun das abenteuerlichste. Es trägt noch etwas von der Glutfarbe Rot in sich, die aber auch schon ein wenig müde und schwerfällig geworden ist; sie ist die Korrosionsfarbe eines ehemals eigenständigen Tons. 

So wie Bahnhöfe den Charakter der Stadt vorwegnehmen (München = ruppiges Gedränge, Leipzig = leer und gemächlich) erzählen uns Flughäfen etwas über das Land; ihr Beschreibungsradius ist etwas größer und meistens liegen sie ja auch außerhalb der Innenstädte, sodass sie schon dadurch gezwungen sind, sich auf die Peripherie einzulassen. Nicht nur weil er in der Lage ist, größere Strecken zurückzulegen, erfasst der Fliegende den Gesamtcharakter des Landes, sondern vor allem, weil er an den Flughäfen aussteigt und anschließend mit Bus, U-Bahn oder Taxi durch die Großstadtperipherie fährt, die der Hautpbahnhofankömmling ausspart (auch den Weg dorthin durch die Stadt verbringt sein Zug in der Regel hinter Lärmschutzwänden oder gleich in Tunneln). In den Flughäfen bündelt sich etwas vom Land, in der Vorstadt das, was das Zentrum gern verschweigt. In Sevilla sind das die Wohnblocksiedlungen, die man mit einem Schlag hinter sich lässt, sobald man die alte maurische Stadtmauer passiert hat. Dann ist es tatsächlich jene Stadt aus Tausend und einer Nacht, in der das Haus Dorne seinen Sitz hat. 


essayistisches Essen

Tapas sind fleischgewordene Essays. Man probiert ein bisschen Schinken und etwas Manchego, anschließend vom Ziegenkäsesalat und frittierte Calamariringe in Aioli, dann etwas Ceviche und schließlich einige Ochsenschwanzkroketten, um herauszufinden, was davon wohl das Beste für den Abend wäre. Man kostet, überlegt und diskutiert darüber, man bildet sich eine Meinung, findet einen Favoriten, lässt sich aber auch von einem anderen Geschmack überzeugen und weiß damit wieder nicht, worauf das Abendessen hinausläuft. Alles bleibt immerzu offen. 

Wieviel aufregender ist das doch als die definitive Festlegung des Gerichts, noch bevor der Abend begonnen hat, sodass man sich dann nicht mehr den Kopf drüber zerbricht und den Gedanken in eine andere Richtung als die des Essens lenkt? Tapas dagegen sind Verkostungen im Handgemenge, sie atmen den Geist der Gegenwart und zwingen, sich ganz darauf einzulassen. Dabei zielen sie auf nichts als die Gestaltung der Zukunft, die in der Tapaswelt noch ungeschrieben ist. Sie umkreisen die Möglichkeit des Abends. Und ohne dass sie es forciert hätten, lassen sie ihn damit beginnen. Obwohl der Abend noch ein Vorhaben ist, ist er schon da. 

Und weil so viel möglich ist, glühen die Wangen. Jeder weiß, dass es hier um etwas geht und dass der Ausgang der Essenswahl noch offen ist. Dass es am Ende nichts davon ganz geworden ist und alles nur angedeutet wurde, macht gar nichts, denn auf dem Weg zur Entscheidung wurde bereits alles entschieden, ohne dass sie gefällt werden musste. 


Das Geheimnis der Setas: Jesus Christus als Pilz

Mitten in Sevilla hat man ein postmodernes Gestrüpp aus geschwungenen weißen Bauelementen über einen Platz gespannt und kaum einer weiß, was es bedeuten soll. Es trägt den Namen „Metropol Parasol“, was auf den „Gemeinen Riesenschirmling“ verweist und so nennt man das Bauwerk dann doch lieber „Setas“, Pilze. 

Das Rätsel der Setas löst nur, wer auch ihren Ort beachtet. Sie stehen nämlich auf der Plaza de la Encarnación. Sind die Setas also Jesus Christus in erweiterter und abstrahierter Form? (Plausibel wäre es, denn irgendetwas muss sich ja ändern, Jesu Parusie erfolgt nicht im Modus der Identität, es wird eine Abweichung geben). Sie sehen aus wie ein berechnetes Rhizom. Als digitales und überirdisches Pilzgeflecht sind sie das Sinnbild der vernetzten Menschheit und damit genau das, was der Jesuit Pierre Teilhard de Chardin in den 1920er Jahren mit der „Noosphäre“ meinte, eine kommende Phase, in der die Menschheit eins wird in Jesus Christus. Propheten des elektronischen Zeitalters, das in Digitalität umschlägt, wie Marshall McLuhan sahen darin eine treffende Beschreibung dessen, wohin uns die Elektronik führen könnte: An einen digitalen Punkt Omega, in dem „alles in allem“ (Korintherbrief) zusammenkommt und die Menschheit miteinander verschmilzt. Die Ausradierung der Individuen und Gesichter verwandelt uns in ein kollektives, überirdisches Pilzgeflecht, das den Setas von Sevilla ähnelt.

Die heutige Politik des Schwarms, die eher über Affekte und Resonanz als über Deliberation und Ratio funktioniert (also eher der Logik von Schmitt-Trump als von Habermas-Merkel folgt), ähnelt dieser Parusie auf verblüffende und dennoch entstellende Weise. Aber es ist auch bekannt, dass der Antichrist dem wiederkehrenden Christus zum Verwechseln ähnlich sieht; und nur ein kleiner Kreis von Auserwählten wird in der Lage sein, den Auserwählten zu erkennen und ihn von seinem größten Gegner, dem Negativ-Auserwählten, zu unterscheiden. Über diese Unterscheidung machen sich die Setas von Sevilla Gedanken; sie suchen nach Glückspilzen, die das richtige Gespür für die Geschichte haben. 


Zweitsprache

Spanier sind Meister der Mimik. Was in Italien mit den Händen geleistet wird, bewältigen die Spanierinnen mit ihrem Gesicht. Was sich darin abspielt, ist eine Parallelsprache zu derjenigen, die durch den Mund kommt. 


trinitarische Stadt

Im 16. Jahrhundert war Sevilla die reichste Stadt Europas. Ein Großteil der Einkünfte aus den Kolonien floss hierher. Als Umschlagplatz für Waren und Silber war es das Tor zur neuen Welt – so wie es zuvor schon die Verbindung zum Orient gewesen war. Wahrscheinlich ist der Katholizismus in Sevilla deshalb so tief verwurzelt, weil er diesem verbindenden Wesen entspricht. Er ist der Glaube an sich selbst. Als trinitarische Stadt verbindet sie Orient, Okzident und neue Welt miteinander. Sie selbst steht für die neue Vaterreligion des Christentums (nachdem sie die Juden, die eigentlichen Väter, im 15. Jahrhundert vertrieben hatte), während der Islam dem Sohn und die neue, nicht festgelegte und darum fluide Welt dem Heiligen Geist entspricht. 


Kreuzkümmel

Die nachwirkende Nähe Andalusiens zum Orient erkennt man weniger am Namen (al-Andalus) oder am maurischen Stil der Paläste (Alhambra, Alcazar) und auch nicht daran, dass die Palastszenen des offenkundig orientalischen Hauses Dorne in der Serie Game of Thrones in den Gärten von Sevilla gedreht wurden – all das fällt in den Bereich der Bezeichnung und Vorstellung und könnte daher auch eine Täuschung sein. Den orientalischen Charakter Andalusien erkennt man daran, dass die Tapas-Oliven mit Kreuzkümmel gereicht werden und dass in den Küchen der Airbnb-Apartments als einziges Gewürz neben Salz und Olivenöl Kreuzkümmel vorhanden ist. Der Kreuzkümmel ist vielleicht die polarisierendste Hervorbringung des Orients – mehr noch als der Islam, der neben Fundamentalisten und Feinden immerhin noch ein paar moderate Anhänger und wohlwollende Kritiker hat. Das ist beim Kreuzkümmel undenkbar, er kennt nur Jünger, denen jedes Gericht, zu dem er gegeben wird, verwandelt und veredelt erscheint (Hummus Taboulé, Lammfleisch), und jene, denen der Kreuzkümmel alles verderben kann. 


Das Moby-Viertel

Auf einer Insel im Rio Guadalquivir liegt die Insel La Cartuja. Es ist dort wie ein Gegensevilla: weitläufig, geradlinig und einsam. Normalerweise ist das Leben in den Altstadtgassen ungewiss, niemand kann weiter als 15 Meter schauen, weil dann schon die nächste Biegung kommt. Überdies gibt es keinen richtigen Übergang zwischen Straße und Haus, man weiß nicht, wo die eine endet und das andere anfängt; der Übergang ist fließend. Auf La Cartuja dagegen ist alles schon im Voraus zu sehen. Der Weg über die Brücke nimmt kein Ende, die Gebäude halten Abstand zueinander, sodass sich nichts zwischen ihnen verstecken kann und sie selbst werden vom blendend hellen Sonnenlicht angestrahlt. Dennoch, trotz aller Offenheit und Klarheit – und darin besteht ihr Geheimnis –, wirkt die Insel rätselhaft. Gebäude, die an missglückte Berliner Hotelbauten aus den 90er Jahren erinnern, stehen neben zylinderförmigen Bankhäusern, Kadettenschulen und einem Raketenturm vom Cape Canaveral. Einen Freizeitpark („Isla Magica“) gibt es auch und einen Gefängnisturm mit Fahrstuhlanbau. 

Das Centro Andaluz de Arte Contemporaneo ist wie ein Mikrokosmos dieser Insel – still und harte Konturen. In einem alten Kloster, in dem Christoph Columbus seine zweite Amerikafahrt plante, ist eine Ausstellung untergebracht, die mehr Wachleute als Besucher hat: In einer abgedunkelten Kirche läuft französische Trance-Musik und ein Film zeigt zwei Schweizerinnen, die in einem guatemaltekischen Garten umherstreifen. 

Draußen erhellt das gleißende Licht den Klosterhof und zeichnet die ohnehin schon klaren Linien gestochen scharf nach; es sieht aus wie eine geometrische Skizze. In einem Hof aus Beton hängen Schlingpflanzen von weißen Säulen herab, in der Mitte steht ein Brunnen. Zwei Gestalten mit Metalldetektor huschen hindurch. Aus dem Fenster des Eingangsgebäudes schaut ein verdutztes rundes Riesengesicht (das Kunstwerk „Alicia“ von Christina Lucas). Aus dem Nachbarfenster ragt der dazugehörige Arm hervor, der geformt ist wie in Michelangelos Gemälde „Die Erschaffung Adams“, nur wird der Arm hier von nichts beseelt, Alicias Pranke fasst ins Leere und kein Gott ist da. 

Wir sitzen im Museumscafé, das zwischen dem Kloster und einem weitläufigen, leeren Park liegt. Im Radio läuft Mobys „Why does my heart feel so bad? / Why does my soul feel so bad? / […] He’ll open doors / He’ll open doors … “. Ein Song aus den 90ern, die dieser Insel die Expo bescherten und der Stadt einen ordentlichen Aufschwung, aber eben auch eine Traurigkeit, von der man hier noch etwas spürt und die sich nach Moby anhört. Und dennoch kommt der Messias und stößt eine Tür auf.


weltlich ungebunden

Im Gegensatz zum Rest des Landes hängen an den Fenstern und Balkonen von Sevilla nur wenige spanische Flaggen. Der Krieg um Deutungshoheit scheint an Andalusien vorbeizuziehen. Während in Barcelona an jeder Ecke die katalanische und in Madrid überall die spanische Flagge hängt, ist hier nichts davon zu sehen. Weder brennt man für Spanien noch für den regionalen, in diesem Fall andalusischen Herausforderer; und erst Recht nicht für Europa. Es ist den Leuten offenbar egal, wer über sie herrscht – ob Römer, Mauren, Spanier, ob Republikaner, Faschisten oder Kommunisten. Die Andalusier akzeptieren nur Jesus Christus, an den sie glauben, und Herkules, der ihr Land gegründet hat und deshalb ihre Flagge ziert. Aber da beider Wiederkunft erst einmal nicht in Aussicht steht, gehen sie damit nicht weltlich hausieren und nehmen alle irdischen Konflikte achselzuckend hin; vor Gott und den Göttern bedeuten sie ohnehin nicht viel. 


andalusischer Stil

Das durchschnittliche sevillanische Haus entspricht dem gesamtandalusischen. Es ist weiß getüncht und gelb gerahmt, dazwischen gibt es schwarz geschmiedete Fenster und Balkonstangen, manchmal eine blaue Markise oder einen Schirm sowie violette Blumen an den Wänden und weitere Blumen in Töpfen auf dem Balkon. Dieser Stil wird auch von den modernen Wohnblocks imitiert, die ihn auf etwas größere und gröbere Weise wiederholen. Ein Block bedeutet hier noch lange keinen Bruch und so kann man angesichts der heranrollenden Hypermoderne entweder beruhigt auf- oder genervt ausatmen: Andalusien bleibt gleich. 


der Mensch in der Landschaft

Die andalusische Flagge ist grün und weiß und steht damit für Dinge, die die Menschen dem Land abgetrotzt haben. Denn ginge es nur nach der Erscheinung der Landschaft, dann müsste die Flagge so rostbraun sein wie mein Notizbuch. Aber der Sinn der Flagge ist nicht die Wiedergabe der Wirklichkeit, sondern die Repräsentation des Selbstbewirkten daran. Am Rostbraun hat der Mensch keinen Anteil, während er für das Grün der Obstplantagen und das Weiß der Städte durchaus etwas kann. Und so enthält die Flagge Andalusiens gerade das Ungewöhnliche der Landschaft und zeigt, indem es das Untypische hervorkehrt, das Typische für den andalusischen Menschen. Das Land Andalusien ist gegen die andalusische Landschaft entstanden.

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