Die Frau und das Geld

(oder: Das Weibliche Kapital – in Anlehnung an das jüngst erschienene Werk von Linda Scott)

ein Gastbeitrag von Anne Herion

Die Wissenschaft verfügt nicht einmal über die Werkzeuge, um [die wirtschaftliche Ausgrenzungder Frau] begrifflich zu fassen. Die vorherrschende Philosophie bietet als einzige Erklärung, dass (a) Frauen im Hinblick auf jedwede Art wirtschaftlichen Engagements biologisch unterlegen seien oder (b) sich freiwillig in jedem Land und jedem Wirtschaftssektor in eine unterprivilegierte Position begeben hätten.“ 

So schlussfolgert es die emeritierte Professorin für Entrepreneurship und Innovation an der Universität Oxford. In ihrem jüngst erschienenen Werk erläutert Linda Scott, warum sich die Weltgemeinschaft ökonomisch betrachtet einer unschätzbaren Ressource beraubt – dem weiblichen Kapital. Weltweit arbeiten, handeln und betätigen sich Frauen unternehmerisch, sowohl in der öffentlichen als auch in der privaten Sphäre, und tauchen doch in kaum einer Statistik auf. Ihre Wirtschaftlichkeit existiert im Dunkeln. Zusätzlich wird generative Reproduktion als ein maßgeblicher Anteil weiblichen Vermögens „im Kapitalismus stillschweigend vorausgesetzt und gesellschaftlich angeeignet, geradeso als wäre die soziale Reproduktion ein natürlicher Prozess, der auch ‘qua Natur’ von den Frauen als Genusgruppe übernommen werden müsse“, so Christine Bauhardt in ihrer Abhandlung zur feministischen Ökonomie. Großmütter meiner Generation, der Generation Y, leben heute von den kleinsten Renten oder von Ersparnissen, obwohl sie jahrzehntelang ihre Arbeitszeit in die Erziehung mehrerer Steuerzahler investiert haben. Sie haben im weiteren Sinne also eigentlich Kapital erwirtschaftet, ohne jedoch, dass es statistisch erfasst wird. 

Man könnte vor diesem Hintergrund viele Fragen stellen. Aus welchen Gründen existiert die weibliche Ökonomie im Dunkeln, bzw. wird sie stillschweigend vorausgesetzt und nicht gleichwertig und angemessen entlohnt? Um welche Form der wirtschaftlichen Arbeit handelt es sich genau, bzw. welche Arbeit und welches wirtschaftliche Handeln gilt es eigentlich zu erfassen? Gäbe es Möglichkeiten sie aus der Dunkelheit zu holen und sie in Statistiken auftauchen zu lassen? 

Wir werden nicht müde, gesellschaftliche Probleme wie dieses zu beschreiben, zu analysieren und uns in Debatten darüber zu verstricken, ob und wie Frauen denn nun endlich ein gleichwertiger Teil unserer Gesellschaft werden könnten oder ob sie das denn überhaupt sollten, denn ein nicht unbeträchtlicher Anteil unserer Gesellschaft glaubt ja, dass alles gut ist wie es ist.

Die drängendste Frage erscheint mir jedoch, aus welchen Gründen eine Gesellschaft wie unsere diesen Zustand toleriert. Erst eine Antwort auf diese Frage würde es ermöglichen den Ursachen des Problems angemessen zu begegnen. 

Ohne an dieser Stelle bei Adam und Eva zu beginnen – und in diesem Fall handelt es sich nicht um eine Floskel, denn Adam und Eva haben dazu einen signifikanten Beitrag geleistet – wird bei näherer Betrachtung deutlich, dass die von patriarchalen Strukturen durchseuchte Gesellschaft eine der Ursachen sein muss. Dass wir in einem Patriarchat leben, müssen wir erst einmal begreifen und anerkennen lernen, bevor sich irgendetwas ganzheitlich und nachhaltig wird verändern können. Ja – ein bisschen gesunder Pessimismus bringt uns erst dahin, wo wir beginnen müssen, um das Geld, das Kapital und die Ersparnisse der Frau aus der Inflation zu holen. 

Lassen wir uns auf die utopische Vorstellung ein, dass es eine Zukunft jenseits patriarchaler Strukturen geben könnte, so könnte eine Frau endlich über ihr eigenes Geld verfügen, ihre ureigenen und unabhängigen ökonomischen Entscheidungen treffen, auch ihre Arbeit bezüglich generativer Reproduktion würde entlohnt werden und sie könnte nicht zuletzt zukunftsfähige und nachhaltige Strategien verfolgen. Wie die Women’s Action Agenda 21, die bereits 1991 aufgesetzt wurde, festhält, könnte endlich ein System florieren, das „die Erhöhung der Chancen der Menschen [ich möchte hier Frauen stehen sehen] auf selbstbestimmte Ressourcennutzung und Lebensgestaltung [ermöglicht]“. Was uns damit gelingen könnte, ist ein grundsätzlicher Strukturwandel, der neue Narrative und eine völlig neue Normativität zuließe. Auf einmal würden wir Kapital nicht mehr ausschließlich als finanzielle Mittel verstehen, sondern vielleicht eine notwendige Begriffserweiterung anstreben, die auch solches Kapital miteinschlösse, das unsere Großmütter eben durch die Erziehung mehrerer Steuerzahler für den Sozialstaat angehäuft haben. In unserer Utopie würde diese Investition gleichwertig entlohnt werden.

Scotts Schlussfolgerung, dass Frauen entweder biologisch unterlegen seien oder sich freiwillig in unterprivilegierte Rollen begäben, trifft also insofern zu, als dass wir eine patriarchalen Begrenztheit tolerieren, in dieser Begrenztheit denken, agieren und eben auch ökonomisch handeln. So nehmen wir stillschweigend hin, dass die Frau eben nicht für den Markt gemacht ist, sie also offensichtlich qua Natur kein ökonomisches Wesen sein kann und durch ihr fehlendes Engagement in den bestehenden begrenzten Strukturen ihre untergeordnete Rolle selbst verschuldet. Wir wagen es selten, dies auszusprechen und doch verhalten wir uns in unserem Mangel an Fortschrittsglauben danach. 

Ohne eine globale Wende, und das schließt einen radikalen Wertewandel genauso ein wie ein praktisches Umdenken jedes*r Einzelnen, erwartet die Frauen dieser Welt keine Utopie, sondern eine Dystopie, die ich mir nicht auszudenken vermag.

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