Der letzte Staufer

„Mit Konradin ist der letzte männliche Namensträger der alten Konstanzer Patrizierfamilie Leiner gestorben“, schrieb der Südkurier am 29. Oktober 1996 und beschwor damit einen Mythos, der dem Drachen-, Helden- und Mythenforscher gefallen hätte. Denn Konradin hieß der letzte Staufer, nach dessen Tod das mittelalterliche Reich zerfiel. Das passierte auch hier, allerdings in einem anderen Bereich, der nicht mit dem Staat, sondern gegen ihn stark war: Leiner, der sich „QRT“ nannte, war der letzte Philosoph der Berliner Sträubung, bevor die Bundesregierung mit ihrem Umzug im Jahr 1999 die volle Kontrolle über die Stadt gewann und ihr die letzten Reste jener anarchischen Spontaneität austrieb, die in den Wendejahren übergeschäumt war. So war es auch kein Zufall, dass kurz darauf die Loveparade ihren Höhepunkt überschritt, woraufhin sich der Rave vollkommen ins Innere jener Clubs zurückzog, die den Techno-Exzess mit „antibürgerlichem Anspruch“ (QRT) einhegten. Jugendbewegungen im Freien, das wusste man, sind ordnungsbedrohlich, also mussten sie aufhören. Und da sich die fidele Ruinenstadt Berlin zur Spielwiese für Jugendbewegungen entwickelte, musste sie schnellstmöglich unter Kontrolle gebracht werden (so wie auch die chinesische Regierung alles versucht, um das widerspenstige Hongkong einzugliedern; hätte sie es zur Hauptstadt gemacht, wäre das schon gelungen).

Westberlin als Biotop ohne Aufsicht konnte sich die alte Bundesrepublik gerade noch erlauben (und selbst dort formierte sich 1968 Staatsgefährdendes), aber die doppelte Größe war einfach zu viel, zumal der „polizeilich noch nicht vollständig kontrollierbare Ostteil“ (QRT) politisch heftiger zu werden versprach als der Westen. Also schuf man ein Gegengewicht aus Regierungsmitarbeitern, Lobbyistinnen und Journalisten, kurzum aus Ordnungshütern, die alles Gewagte und Überschießende, das irgendwo auftritt, sofort einordnen, kontrollieren und entschärfen und zudem die Mieten nach oben treiben.

Daher wehte der Wind des Hauptstadtbeschlusses, der in Wahrheit keiner gegen Bonn, sondern einer gegen Berlin war, weil er die Stadt unter bürokratische Aufsicht stellte. Und so ist es auch kein Zufall, dass die vorsichtige CDU mehrheitlich für Berlin stimmte (obwohl sie doch die Bonner Republik viel länger und entscheidender geprägt hatte), während die SPD mit Bonn kein Problem hatte, da sie Brüche noch immer nicht ganz so schlimm fand. Mit Berlin im Rücken hätte der Mauerfall nachträglich tatsächlich zur Revolution gemacht werden können, weil sich die unbeaufsichtigte Riesenstadt mit billigen Mieten für mittellose Künstlerinnen, Intellektuelle, Autonome und Gammler wohl in ein Zentrum der Gegenordnung verwandelt hätte, aber die CDU wusste das zu verhindern und schickte Jörg Schönbohm. Seither, darüber hat Francesco Masci ein Buch geschrieben, gilt Rosa Luxemburgs resignierter Satz: „Die Ordnung herrscht in Berlin“. Stattdessen übernimmt jetzt Dresden (oder ganz Sachsen, das etwa so viele Einwohner hat wie Berlin) diese gegenkulturelle Rolle, allerdings auf eine politisch ganz andere Weise, denn dort gibt es bislang nur Proteste gegen die Ordnung im Namen einer viel strengeren Ordnung, also verspätete Scheinrevolten, die nichts öffnen, sondern bestenfalls ein paar Hierarchien zementieren. Auch das gehört zu den Langzeitfolgen des Hauptstadtbeschlusses: Weil man die berlinische nicht wollte, hat man die sächsische Résistance bekommen.

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